Seite - 184 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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184 Die Verwaltung : Schwachpunkt der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge
Bild eines unübersichtlichen Geflechts unterschiedlichster Einrichtungen und Träger :
Neben den Beiräten, Ausschüssen, Bezirksfürsorgestellen und Ortsvertrauensmännern
der Landeskommissionen und neben verschiedenen kommunalen Beratungs- und
Hilfseinrichtungen gab es in den meisten Kronländern Landes- und Frauenhilfsver-
eine vom Roten Kreuz, Landes- und Frauen-Kriegshilfs-Komitees, wirtschaftliche Lan-
deshilfsbüros für die Angelegenheiten der Eingerückten, die Zweigvereine der Gesellschaft
vom österreichischen Silbernen Kreuz zur Fürsorge für heimkehrende Reservisten, einige
Blinden- und Tuberkulosevereine, Kriegerheimstättenvereine, Wehrmannfonds und
Bürgerstiftungen. An bedeutenderen, sich ausschließlich der Kriegsbeschädigten- oder
Kriegshinterbliebenenfürsorge widmenden Organisationen sind weiters der Österrei-
chische Militär-Witwen- und Waisenfonds genannt, dann die Gesellschaft zur Fürsorge
für Kriegsinvalide, der österreichisch-ungarische Invalidendank, das Kuratorium des
steiermärkischen Witwen-, Waisen- und Invalidenkriegsschatzes, der Arbeitsausschuss für
Soldatenunterricht des patriotischen Hilfsvereins vom Roten Kreuze für Niederösterreich
und der in Wien ansässige Verein „Die Technik für die Kriegsinvaliden“.62 Viele dieser
Vereine entsprangen der traditionellen Caritas, waren katholisch geprägt und versam-
melten in ihren Reihen Repräsentanten des Bürgertums – Einzelpersonen wie auch
Firmen
– sowie Vertreter des niederen und als Protektoren auch oft des hohen Adels.63
Frauen spielten eine nicht unbedeutende Rolle. Niemand konnte jedoch aus diesen
Listen auch nur ansatzweise ablesen, wie effektiv die Vereine waren und in welchem
Ausmaß sie zur Versorgung der Kriegsbeschädigten beitrugen. Es zeigte sich nur ein-
mal mehr, dass die Zentralbehörden selbst im vierten Kriegsjahr noch keinen wirkli-
chen Überblick über die einschlägigen Fürsorgeeinrichtungen hatten, auf deren Schul-
tern ja immerhin
– und nicht zuletzt auf Anordnungen der Zentralbehörden hin
– ein
wesentlicher Teil der österreichischen Kriegsbeschädigtenfürsorge ruhte. Die private
Wohltätigkeit war also bis dahin ein ganz selbstverständlich mitkalkulierter Faktor im
Bereich der Fürsorge gewesen, ohne dass jemand über ihre genaue Leistungs fähigkeit
Bescheid gewusst hätte.
6.3.2 Bezirksfürsorgestellen, Ortsgruppen, Vertrauensmänner
Das neue Ministerium ging nun einen neuen Weg. Es verließ sich nicht mehr so stark
auf die private Wohltätigkeit, wie das das Ministerium des Innern noch getan hatte,
sondern bemühte sich um den Aufbau eigener Einrichtungen. Es schritt zunächst
62 Ebd.
63 Siehe stellvertretend etwa die beeindruckende Aufzählung im Jahresbericht der k. k. Gesellschaft vom
Österreichischen Silbernen Kreuze, 1916.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918