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186 Die Verwaltung : Schwachpunkt der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge
„Denn Nachbehandlung, Berufsberatung, Arbeits-Vermittlung, finanzielle Unterstützung der
Kriegsbeschädigten usw. sind so gleichwertige Glieder in der Kette der in jedem einzelnen
Falle zu setzenden Fürsorgehandlungen, daß eine Gewähr für ihren Erfolg nur dann verbürgt
ist, wenn ihre Durchführung den nämlichen Stellen anvertraut ist und wenn es durch diese
einheitliche Kompetenz ermöglicht wird, die in den verschiedenen Stadien der Fürsorge zu
treffenden Maßnahmen genau aufeinander abzustimmen.“69
Der Erlass griff auch das Konzept der regionalen und lokalen Gliederung des Verwal-
tungsapparates wieder auf. Dieses Konzept war ja praktisch überall kläglich gescheitert,
und die positiven Berichte aus Böhmen waren ungehört verhallt. Im Jänner 1918 hielt
nun aber das Ministerium nach einer Besprechung mit Robert Marschner fest, dass es
„sich nicht leugnen“ ließe, „dass gerade viele der von Hptm. Eger gegründeten Orts-
stellen sehr guten Erfolg aufweisen.“70 Im neuen Erlass wurden nun auch die übrigen
Länder angehalten, ihr Gebiet „mit einem Netz derartiger Fürsorgestellen zu über-
ziehen, deren Wurzeln sich bis in die kleinste Gemeinde […] erstrecken“71 sollten :
„Je feinmaschiger das über alle Kronländer auszubreitende Netz lokaler Fürsorgestel-
len sein wird, desto größer verspricht naturgemäß die Intensität, damit aber auch der
Erfolg der Kriegsbeschädigtenfürsorge zu werden.“72 Den Fürsorgestellen wurden im
Wesentlichen die Funktionen der Landeskommissionen übertragen.73 Vertrauensmän-
ner auf Gemeindeebene sollten als letzte Glieder dieser Organisationsstruktur eine
direkt bei den Kriegsbeschädigten ansetzende Fürsorge garantieren :
„Die bisher von den Landesstellen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger entwickelte se-
gensreiche Tätigkeit verdient sicherlich vollste Anerkennung. Der territoriale Bereich dieser
Stellen ist aber so groß, daß ihnen die Möglichkeit fehlt, mit Aussicht auf Erfolg als unmit-
telbare Träger jener individualisierenden Fürsorge zu wirken, welche bei allen ihren Maßnah-
men auch auf Einzelumstände Rücksicht nimmt und die ihre Entschließungen demgemäß
der Persönlichkeit des zu Betreuenden und der wirtschaftlichen Lage seines Aufenthalts-
oder Heimatortes anpaßt.“74
69 K.k. Ministerium für soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 6f.
70 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1356, 1808/1918.
71 K.k. Ministerium für soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 6.
72 Ebd., S. 9.
73 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 22120/1918, S. 2. Die genaue Evidenzführung mit Invaliden-
personalblättern bildete notwendigerweise eine zentrale Aufgabe der Ortsstellen ; K.k. Ministerium für
soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 8.
74 Ebd., S. 6 ; vgl. auch AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1553, Sa 8, 2745/1918.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918