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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 192 -
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192 Die Verwaltung : Schwachpunkt der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge Kriegsbeschädigten nicht allein, sondern immer im Zusammenhang mit seiner Fami- lie wahrzunehmen. Was das ungarische Modell deutlicher zeigt als der österreichische Reformversuch, der letztlich in der appellativen Forderung nach einer „individualisierenden Fürsorge“ verharrte (und die ungarische Erhebung nur zur Kenntnis nahm103), ist die neue Stoß- richtung der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge in der zweiten Hälfte des Krieges. Zwei Jahre zuvor war noch die Notwendigkeit einer zentralstaatlichen Regelung und Administration der Kriegsbeschädigtenfürsorge im Zentrum gestanden ; durch die Einrichtung der Landeskommissionen war ihr teilweise entsprochen worden. Nun jedoch erwies sich die Gleichförmigkeit, mit der man an das als Massenproblem er- kannte Phänomen der Kriegsbeschädigten herangegangen war, ebenfalls als verbes- serungsbedürftig. Diese administrative Gleichförmigkeit, die darauf abzielte, jeden Kriegsbeschädigten  – gleichsam als wäre er noch in der Armee  – zu behandeln, war im Prozess der Ablösung der privaten Wohlfahrt durch staatliche Sozialleistungen wohl einerseits ein notwendiger, aber andererseits auch unzureichender Zwischen- schritt. „Mag auch scheinbar die Massennot zu einem förmlichen Schema drängen, es gilt doch bei einer richtigen Wohlfahrtspflege immer, in jedem einzelnen Falle des Eingreifens das Besondere zu empfinden“,104 formulierte ein Steirischer Verein das Problem treffend. Für die private Fürsorge, die ja in erster Linie die „würdigen“ Armen versorgen wollte, war ein individualisierender Zugang zum Problem charakteristisch (gewesen). Die Behörden mussten diesen Zugang erst entsprechend adaptieren und in ihr System integrieren. Letztlich war diesen Neuerungen im Fürsorgewesen durch die Anfänge der modernen Sozialarbeit erst nach dem Ersten Weltkrieg Erfolg beschie- den.105 103 Ebd., S.  1. Das Papier lag der interministeriellen Kommission in Angelegenheit der Invalidenfürsorge bei ihrer Sitzung am 2.7.1918 vor, seine Besprechung wurde jedoch vertagt. Die Bürokratie war willig  – Leo Wittmayer, Ministerialrat im Sozialministerium, etwa sprach sich explizit für die individualisierte Fürsorge aus  –, doch offenbar handlungsunfähig ; Leo Wittmayer, Die Kriegsbeschädigten-Fürsorge, Wien 1918. 104 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1356, 616/1918, Bericht über die Geschäftsgebarung im Jahre 1916, erstattet vom Kuratorium des Steiermärkischen Witwen-, Waisen- und Invalidenfürsorgeschatzes in Graz. 105 Siehe zur Professionalisierung der Sozialarbeit in Wien Susanne Birgit Mittermeier, Die Jugendfürsor- gerin. Zur Professionalisierung der sozialen Kinder- und Jugendarbeit in der Wiener städtischen Für- sorge von den Anfängen bis zur Konstituierung des Berufsbildes Ende der 1920er Jahre, in : L’Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 5 (1994) 2 : Fürsorge, S.  102–120 ; und allge- mein Carl Wolfgang Müller, Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der Sozialarbeit, Weinheim u. a. 2004.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
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