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7 Die Organisierung der Kriegsbeschädigten
Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete für das Verhältnis von Staat und Kriegs-
beschädigten zweifellos einen entscheidenden Wendepunkt. Die kriegerischen Aus-
einandersetzungen hatten aufgehört, und wenn auch unter den entkräftet von den
Kriegsschauplätzen zurückströmenden Soldaten und unter den in den Hospitälern
Behandelten in der Folge noch viele Todesopfer zu beklagen waren, so war das große
Sterben doch vorbei. Neue Kriegsbeschädigte schuf dieser Krieg nicht mehr. Zugleich
war der am 12. November 1918 auf einem knappen Sechstel1 der ursprünglichen Flä-
che der Monarchie als Republik neu geschaffene Staat Deutschösterreich nicht mehr
jener Staat, der den Krieg geführt hatte. Territorium und Staatsform hatten mit dem
untergegangenen Kaiserreich nichts gemeinsam. Völkerrechtlich freilich trat Öster-
reich – später durch den Friedensvertrag von Saint-Germain2 noch untermauert –
gemeinsam mit Ungarn in die Nachfolge des Habsburgerreiches, dessen Erbe – was
die Kriegsbeschädigten, aber auch was die übrigen Folgen des Krieges betraf – ange-
treten werden musste.
Zunächst hatte der junge Staat das Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit zu be-
wältigen. Hunger, Aufstände, Demonstrationen, eine insgesamt politisch instabile Lage,
bald durch eine Wirtschaftskrise zusätzlich verschärft, prägten die Anfangszeit. In die-
ser von Gefühlen der Niederlage, aber auch des Neubeginns gekennzeichneten Um-
bruchphase nahm die österreichische Sozialdemokratie eine moderate Position ein. Bis
November 1920 an der Regierung beteiligt, gelang es ihr, ihre Klientel politisch soweit
einzubinden und zu besänftigen, dass etwa die Rätebewegung in Österreich nie wirklich
Fuß fassen konnte. Massive sozialpolitische Interventionen spielten dabei eine nicht
unbedeutende Rolle. Trotzdem ist das revolutionäre Potenzial, auch jenes der heimkeh-
renden Soldaten, nicht zu unterschätzen. Aufbruchswille und Handlungszwang griffen
ineinander und führten dazu, dass die Sozialpolitik an Bedeutung gewann.
Für die Politik jener Zeit bedeutete das mehrerlei : Ohne dass noch ein exakter Über-
blick über die Dimension des Problems vorgelegen wäre – selbst die genauen Staats-
grenzen standen ja noch nicht endgültig fest –, musste rasch ein funktionierendes Ver-
1 Berechnet von der ursprünglich beanspruchten Fläche von 118.311 km2. Tatsächlich musste Österreich
dann aber auf 30 % dieser Fläche verzichten.
2 StGBl 1920/303.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918