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197Selbstermächtigung
: Die Entstehung einer Gruppe
nach Einrichtung eines Invalidenrates – schon am 3. November 1918, dem Tag des
Waffenstillstandes zwischen Österreich-Ungarn, der Entente und Italien, vor.10 Nach
wenigen Tagen war dieser Verein jedoch von der Bildfläche wieder verschwunden, und
mit dem Zentralverband der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten trat ein anderer
an seine Stelle.11 Der Zentralverband übernahm innerhalb der sich rasch konstituie-
renden Invalidenbewegung von Anfang an die führende Rolle und sollte in Österreich
bis 1934 die mit Abstand größte und einflussreichste Organisation in diesem Sektor
bleiben.
Innerhalb kürzester Zeit hatten Kriegsbeschädigte in Österreich also eigene Vertre-
tungen geschaffen, die sich von den bestehenden Wohltätigkeitsorganisationen deut-
lich absetzten. Die Betroffenen nahmen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand : „In
der Stunde der Not ermannten sich die Invaliden zur Tat – zur Selbsthilfe“,12 formu-
lierte eine Kriegsbeschädigtenzeitung im Jänner 1919 enthusiastisch. Und tatsächlich
wandten sich Kriegsbeschädigte in der Folge nicht nur, wenn es um die Vertretung
ihrer Interessen, sondern auch wenn es um Unterstützungsangelegenheiten ging, zu-
allererst an ihre eigenen Organisationen, die sich ihrerseits aufgrund ihrer engen Zu-
sammenarbeit mit den neuen Staatsbehörden auch zu wichtigen Distributionszentren
für die kargen Nachkriegsressourcen entwickelten.
Die Gründung solcher Verbände, in denen sich Kriegsbeschädigte nach dem Ers-
ten Weltkrieg selbst organisierten, wurde in allen bisher einschlägig untersuchten
Ländern13 beobachtet ; Österreich ist hier kein Sonderfall. Man wird daher von der
Annahme ausgehen dürfen, dass es einerseits einen gewissen Bedarf nach derartigen
Zusammenschlüssen gab und dass es andererseits eine Vorstellung davon gab, wer als
„kriegsbeschädigt“ galt und diese Zuschreibung ein hinreichendes Merkmal darstellte,
10 Andere Forderungen waren : Ausbezahlung der für November fälligen Invalidenrenten und Unterstüt-
zungsgelder, Stopp der Entlassungen von Kriegsbeschädigten, Einführung einer Arbeitslosenunterstüt-
zung, Ermöglichung des Verbleibs der Kriegsbeschädigten in den Spitälern, volle Vertretungsbefugnis
gegenüber dem Staats- und dem Nationalrat ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 572/1918, Verein
der Kriegsinvaliden v. 5.11.1918. Auch die Presse berichtete von den Forderungen ; vgl. Wienbibliothek,
Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsinvalide 1917–1918, „Für die Schaffung eines Invalidenausschusses“, in :
Reichspost v. 5.11.1918. In der Übergangszeit dürften an vielen Orten Kriegsbeschädigtenvereine ge-
gründet worden sein. So ist etwa die Gründung eines Vereins der Kriegsbeschädigten am 8.11.1918 in Tirol
überliefert ; Der Invalide, Nr. 6 v. 15.3.1919, S. 4.
11 Dass es sich hier wirklich um eine Ablöse handelte, zeigt sich auch an personellen Kontinuitäten : Karl
Grundei, der als zweiter Obmann des Vereins der Kriegsinvaliden genannt wird, ist später Funktionär
des Zentralverbandes ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 572/1918, Verein der Kriegsinvaliden v.
5.11.1918 ; und z. B. Der Invalide, Nr. 13 v. 1.7.1919, S. 3.
12 Ebd., Nr. 1 v. 1.1.1919, S. 2.
13 Im Wesentlichen sind dies Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918