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„Zentralverband“
lenwert. Die bislang vor allem mit Blick auf Deutschland, Frankreich und Großbri-
tannien verfassten Studien kommen bei der Charakterisierung der Organisationen
dementsprechend auch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.15 In Österreich – das
sei gleich vorweg gesagt – verlief die Gruppenbildung nicht entlang der militärischen
Vergangenheit, sondern entlang der sozialpolitischen Gegenwart. Kriegsbeschädigte
organisierten sich hier nicht gemeinsam den Veteranen, sondern mit den Kriegs-
hinterbliebenen. Als weiteres Kennzeichen der österreichischen Invalidenbewegung
der Zwischenkriegszeit ist eine besonders hohe Organisationsdichte zu nennen. Der
„organisierte Kriegsbeschädigte“ war die Norm. Fast alle Kriegsbeschädigten waren
Mitglieder des einen oder anderen Verbandes, und die allermeisten von ihnen – in
Spitzenzeiten bis zu 90 % – waren im Zentralverband organisiert.16
7.2 Der „Zentralverband“
7.2.1 Die Anfänge
Die Geschichte der österreichischen Invalidenbewegung war also im Wesentlichen von
einer Großorganisation geprägt. Die Gründung des bald tonangebenden Zentralverban-
des der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten17 fiel in die ersten Nachkriegstage. Der
11. November 1918 – Vortag der Proklamation der Republik Deutschösterreich –, als
im Wiener Eisenbahnerheim18 eine Versammlung von Kriegsbeschädigten stattfand, im
Zuge derer die Bildung einer Vereinigung beschlossen wurde,19 kann formal als Grün-
dungsdatum des Zentralverbandes angesehen werden. Die Initiative für das Treffen war
vom Kriegsbeschädigten Heinrich Gallos ausgegangen, der in den folgenden Jahren noch
eine wichtige, wenngleich polarisierende Rolle in der Invalidenbewegung spielen sollte ;
er hatte die Zusammenkunft gemeinsam mit Karl Burger vorbereitet, der später verant-
15 Diese Ergebnisse werden im Folgenden immer wieder einfließen.
16 Zu den Mitgliederzahlen vgl. Kapitel 15.
17 Der Verband hieß anfangs Zentralverband der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten ; er wurde im
Sommer 1919 in Zentralverband der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten (Kriegsbeschädigten-Vereini-
gung der Invaliden, Witwen und Waisen), im Jänner 1920 in Zentralverband der österreichischen Kriegsbe-
schädigten, Witwen und Waisen (Kriegsbeschädigtenvereinigung der Invaliden, Witwen und Waisen) und im
Sommer 1920 schließlich in Zentralverband der Landesorganisationen der Kriegsinvaliden und Kriegerhin-
terbliebenen Österreichs umbenannt ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2648 (Zen-
tralverband der Landesorganisationen der Kriegsinvaliden und Kriegershinterbliebenen Österreichs).
18 Das Eisenbahnerheim, das Wohnungen und ein Kongresszentrum für den Verein der Eisenbahner beher-
bergte, wurde 1913 in Wien V, Margarethengürtel 136 errichtet.
19 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918