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201Der
„Zentralverband“
Delegiertensystem Einfluss auf die Geschäftsführung des Zentralverbandes nehmen
können ; das oberste Gremium war der gewählte Zentralausschuss ; für Fachaufgaben
wurden verschiedene Sonderausschüsse eingerichtet.28 Es war tatsächlich so, dass der
Zentralverband keine neue Bewegung ins Leben rufen musste, sondern auf aktuellen
Vereinigungsbestrebungen aufsetzen konnte. Er hatte – wie von seinen Funktionären
betont wurde – „schon viele fertige örtliche Organisationen vorgefunden […], welche
es nur zusammenzufassen galt.“29 Diese in den letzten Kriegsmonaten und -wochen
entstandenen lokalen Vereinigungen – mit Ausnahme der Vorarlberger Beispiele of-
fenbar zu jung, als dass sie einen nennenswerten Niederschlag in der Überlieferung der
Zentralbehörden gefunden hätten – bildeten die Basis einer Bewegung, der nur eine
Struktur verliehen werden musste. Das Verdienst des Zentralverbandes bzw. seiner ers-
ten Funktionäre lag darin, die Notwendigkeit des Zusammenschlusses dieser verstreu-
ten Gruppen zu einer einheitlichen Organisation mit hinreichender Schlagkraft zum
richtigen Zeitpunkt erkannt und entsprechend gehandelt zu haben. Der sukzessive
Aufbau einer klugen, die Selbstständigkeit der Landesorganisationen nicht allzu sehr
einschränkenden Organisationsstruktur tat das Übrige. Dass der Zentralverband von
Anfang an erfolgreich agieren konnte, lag aber auch ganz wesentlich daran, dass aufsei-
ten der Politik
– insbesondere beim Staatsamt für soziale Verwaltung
– großes Interesse
an einem benenn- und berechenbaren Gegenüber herrschte. Die Ministerialbürokratie
hatte den Zentralverband „von vornherein […] als autorisierten Vertreter der Invaliden-
schaft anerkannt“.30 Das Staatsamt für soziale Fürsorge entsandte Sektionschef Otto
Gasteiger und Sektionsrat Friedrich Hock31 als Vertreter in den Zentralausschuss des
Verbandes ; dieser wiederum lobte die beiden in seinem Verbandsorgan wiederholt da-
für, dass sie für die Anliegen der Kriegsbeschädigten „immer ein williges Ohr“32 hatten.
Zur Jahreswende 1918/1919 war der Zentralverband bereits so wichtig geworden, dass
Johann Jakob Hollitscher in der Lage war, zentrale Forderungen der Kriegsbeschädigten
in direkten Verhandlungen mit dem Sozialminister und dem Staatskanzler durchzu-
28 Die Darstellung folgt den Ausführungen in der zweiten Nummer der Zeitschrift ; ebd. Frühe Statuten
des Verbandes sind leider nicht mehr vorhanden.
29 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 2.
30 Ebd., S. 1.
31 Friedrich Hock (*1873, †1937), seit 1.1.1918 Abteilungsleiter im Ministerium für soziale Fürsorge, ab
1.7.1919 in der Sektion Kriegsbeschädigtenfürsorge im Staatsamt (später Bundesministerium) für sozi-
ale Verwaltung tätig, ab 1921 Sektionschef, ab 1932 zusätzlich Leiter der Sektion für Sozialversicherung ;
Österreichisches biographisches Lexikon, Bd. 2, Wien 1959, S.
346 ; Gertrude Enderle-Burcel/Michaela
Follner, Diener vieler Herren. Biografisches Handbuch der Sektionschefs der Ersten Republik und des
Jahres 1945, Wien 1997, S. 186f.
32 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918