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202 Die Organisierung der Kriegsbeschädigten
setzen.33 Bei der dritten Wiener Massenversammlung am 24. November 1918 konnte
der Vorstand erste Erfolge präsentieren : Die Einbeziehung der Kriegsbeschädigten in
die Arbeitslosenunterstützung wurde in Aussicht gestellt ; die Spitäler, in denen Kriegs-
verletzte behandelt wurden, übernahm der Staat und die unentgeltliche Ausgabe von
Kleidern und Schuhen an Kriegsbeschädigte sollte bereits am nächsten Tag beginnen.34
Als besonderen Erfolg verbuchte der Verband eine auf seine Anregung hin geschaffene
interministerielle Kommission, in der – mit Vertretern des Zentralverbandes – Angele-
genheiten der Kriegsbeschädigtenfürsorge nicht nur beraten, sondern auch Beschlüs-
sen zugeführt werden sollten.35 Man sei mit dieser Einrichtung „nur mehr wenig von
dem Idealzustand“ – dem Selbstbestimmungsrecht der Kriegsbeschädigten – „entfernt“,
berichtet der Invalide euphorisch.36 Diese Interpretation erwies sich zwar bald als zu
enthusiastisch – die Kommission wurde im ersten Jahr ihres Bestehens infolge diverser
Streitigkeiten unter den Kriegsbeschädigten (so behauptet zumindest Hollitscher) kein
weiteres Mal einberufen37 – und war – wie auch die mehrfache Nennung fantastischer
Mitgliederzahlen des Zentralverbandes in der Höhe von 170.000 bis 200.00038 – wohl
eher der Begeisterung des Anfangs als der Realität geschuldet. Trotzdem sollte sich die
Kommission dann – mit einer gewissen Zeitverzögerung – gegen Ende des Jahres 1919,
als sie als „ständige Invalidenfürsorgekommission“ auch gesetzlich normiert wurde,39 zu
einem wichtigen Instrument der Absprache zwischen Staatsstellen und Invalidenvertre-
tern entwickeln ; sie hatte jedoch immer nur beratende und begutachtende Funktion.40
Der rasche, innerhalb weniger Wochen vollzogene Aufbau eines Vereins von der Größe
des Zentralverbandes war jedenfalls eindrucksvoll. Zehn Jahre nach seiner Gründung for-
mulierte der langjährige Wiener Obmann noch immer begeistert : „[…] man kann wohl
sagen, daß die Gründung des Zentralverbandes ein organisationsgeschichtliches Ereignis ers-
ten Ranges war.“41 Darin waren sich die Vertreter der Kriegsbeschädigten einig :
33 Die erste Verhandlung mit dem Staatsamt für soziale Fürsorge fand am 21.11.1918 statt ; Rupert Kain-
radl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden, Nr. 6/7 v. Juni/
Juli 1928, S. 1–8, hier S. 4.
34 Ebd., S. 6.
35 Zu den Vorgesprächen zur interministeriellen Kommission AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 4580/1918,
Protokoll der Sitzung v. 27.12.1918. Die erste Sitzung dieser Kommission fand am 10.1.1919 statt.
36 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 1.
37 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1920, S. 3. Es gibt Hinweise darauf, dass das nicht stimmt ; für den 24.4.1919
wurde z. B. zu einer Sitzung eingeladen ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1367, 21310/1919.
38 Der Invalide, Nr. 1 v. 1.1.1919, S. 2 ; ebd., Nr. 3 v. 1.2.1919, S. 1.
39 StGBl 1919/591.
40 Staatsamt für soziale Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1920, S. 34–36.
41 Johann Schnürmacher, Einiges aus den Gründungstagen des Zentralverbandes, in : Der Invalide, Nr. 11
v. November 1928, S. 20f, hier S. 20.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918