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„Zentralverband“
„Ohne Unterstützung, ganz aus sich selbst, ohne Heller [sic] Geld wurde diese Gründung un-
ternommen, noch dazu in einer Zeit, in der alles drunter und drüber ging und niemand ahnte,
welch ungeheure und schnelle Ausdehnung diese Bewegung in kurzer Zeit erhalten sollte.42
Niemals zuvor wurde eine solche gewaltige Menschenmasse so rasch organisiert und zu einem
gemeinsamen Ziel in so erstaunlich kurzer Zeit geleitet. […]
Beispiellos und ganz einzigartig hat sich der Aufbau der österreichischen Kriegsopferor-
ganisation vollzogen. Die Funktionäre konnten sich nicht auf die Tätigkeit anderer Kriegs-
opferorganisationen stützen, den[n] niemals zuvor hat es eine derartige Bewegung gegeben
und ohne Vorbild mußte alles aus dem Nichts geschaffen werden.“43
Die Zitate atmen noch die Leidenschaft und Ruhelosigkeit des Anfangs, sie belegen die
Begeisterung der ersten Funktionärsgeneration, die
– von der eigenen Kraft und der un-
erwarteten Mobilisierungsfähigkeit der Betroffenen überwältigt – noch im Rückblick
ihrer Verblüffung darüber Ausdruck verliehen, dass sich die Kriegsbeschädigten ohne
Erfahrung, Vorplanung und finanzielle Absicherung innerhalb so kurzer Zeit organi-
sieren konnten. Freilich waren die Hindernisse und Schwierigkeiten zu Beginn enorm
und ihre Bewältigung wohl nur einem gehörigen Maß an Improvisation zu verdanken :
„Ueberall sollten die Funktionäre des Verbandes sein, und trotzdem viele von ihnen wirklich
Tag und Nacht arbeiteten, war es nicht möglich, andere als die Tagesfragen zu erledigen.
Die Züge, die in den Bahnhöfen ankamen, brachten immer neue Beschädigte, für die so-
fort gesorgt werden mußte. Zu diesem Zwecke hatte der Zentralverband einen Bahnhofdienst
eingerichtet, der allein viele Funktionäre in Anspruch nahm.
Eine Hauptschwierigkeit lag wohl auch darin, daß die Funktionäre gar keine Erfahrun-
gen hatten, weil sie ja vor dem Kriege mit einer Kriegsopferfürsorge nichts zu tun hatten.
Natürlich galt dies auch von den Behörden. Auch dort war für die Kriegsopferfürsorge
nicht vorgesorgt. Es war aber auch eben [sic] noch kein Weltkrieg, der über vier Jahre
dauerte und so eine ungeheure Anzahl von Kriegsopfern schuf, von der kein Mensch eine
Ahnung hatte.
Dazu kam, daß der Staat neu errichtet werden mußte. Was gab es da für Hindernisse zu
überwältigen […].“44
42 „Die Bedeutung der Organisation für die österreichischen Kriegsopfer“, in : ebd., Nr. 11 v. 30.11.1925,
S. 1f, hier S. 1.
43 „Den Delegierten des Verbandstages zum Gruß !“, in : ebd.
44 Johann Schnürmacher, Einiges aus den Gründungstagen des Zentralverbandes, in : Der Invalide, Nr. 11
v. November 1928, S. 20f, hier S. 20.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918