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„Zentralverband“
7.2.2 Eine sozialdemokratische Gründung ?
Die Umstände der Gründung legen die Vermutung nahe, dass der Zentralverband eine
sozialdemokratische Einrichtung war : Die ersten Treffen fanden an prononciert so-
zialdemokratischen Örtlichkeiten und unter Anwesenheit eines sozialdemokratischen
Abgeordneten statt. Doch die Dinge müssen differenzierter betrachtet werden. Schon
die Teilnahme des Gewerkschafters August Forstner an der ersten Versammlung
konnte zweierlei bedeuten : wohlwollende Unterstützung der Gründungsbestrebungen
durch die SdAP oder kritische Beobachtung. Schließlich stand die Gewerkschaft –
wie das aus Deutschland bekannt ist53 – möglicherweise auch in Österreich einer, die
Einheit der Arbeiterschaft bedrohenden, eigenen Interessenvertretung von Kriegs-
beschädigten skeptisch oder ablehnend gegenüber ; so mancher der in der Folgezeit
auftauchenden Konflikte zwischen dem Zentralverband und der Gewerkschaft könnte
so gedeutet werden. Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, dass sich der frühe Zentral-
verband einer Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft eher verschloss.54 Forstner trat
jedenfalls im Zentralverband später nicht mehr in Erscheinung. Treuer Verfechter der
Anliegen von Kriegsbeschädigten im Parlament wurde in den kommenden Jahren mit
Anton Hölzl, dem Obmann des Arbeiter-Abstinentenbundes, ein anderer Sozialdemo-
krat.55
Landesverbandes für Wien, Niederösterreich und das Burgenland). Trotzdem blieb sie die wichtigste
Kriegsbeschädigtenzeitung Österreichs und hatte weiterhin einen überregionalen Anspruch. Die Zei-
tung erschien bis Ende 1921 zweiwöchentlich, bis Mitte 1922 monatlich und danach unregelmäßig.
1923 und 1924 konnten aus Kostengründen insgesamt nur fünf Nummern herausgegeben werden. Von
1925 bis Mitte 1933 kam die Zeitung einmal im Monat heraus. Ab Mitte 1933 gab es wieder Doppel-
nummern. Die letzte Nummer erschien im März 1934. Vgl. Tabelle 5 im Anhang.
Die Unterlagen des Zentralverbandes sind offenbar infolge seiner wechselhaften Geschichte verloren ge-
gangen. 1934 wurde der Verband politisch auf Linie gebracht und in den Österreichischen Kriegsopfer-
verband umgewandelt, 1936 schuf der Ständestaat dann den Einheitsverband der Kriegsopfer Österreichs,
in welchem die noch bestehenden Verbände aufgingen. Dieser wurde seinerseits nach dem Anschluss
aufgelöst, sein Vermögen ging an die NS-Kriegsopferversorgung ; AT-OeStA/AdR ZNsZ Stiko Wien, Kt.
697–700. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete und heute unter der Bezeichnung Kriegsopfer-
und Behindertenverband (KOBV) agierende Kriegsbeschädigtenorganisation verfügt nicht über das Ar-
chiv des alten Zentralverbandes. Und auch unter den nach 1945 nach Moskau verbrachten Vereinsakten
gibt es keine Akten zum Zentralverband ; siehe Gerhard Jagschitz/Stefan Karner (Redaktion : Sabine
Elisabeth Gollmann), „Beuteakten aus Österreich“. Der Sonderbestand im russischen „Sonderarchiv“
Moskau (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung 2), Graz-
Wien 1996.
53 Siehe vor allem Diehl, Organization.
54 Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden, Nr.
6/7 v. Juni/Juli 1928, S. 1–8, hier S. 6.
55 Anton Hölzl (*1874, †1946), Buchdrucker, Obmann des Arbeiter-Abstinenten Bundes, Redakteur des
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918