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220 Das Invalidenentschädigungsgesetz
annehmen – vor allem darum, die aktive Haltung des Helden gegenüber der passiven
des Märtyrers zu betonen. Offenbar lag für den Redner der Begriff des Märtyrers sehr
nahe bei jenem des Opfers und wurde daher als pejorative Zuschreibung zurückgewie-
sen. Der Sozialdemokrat Anton Hölzl griff dann die Begriffe des Vorredners einfach
auf und verwendete den Ausdruck „Märtyrer“ in derselben Bedeutung
– nämlich nicht,
um dem Sterben im Krieg einen Sinn zu verleihen, sondern als Synonym für das Wort
„Opfer“, denn was er beschreibt, ist schlicht das „sinnlose Opfer“, das „Bluten“ für die
falschen Interessen.
Dieser kurze Ausschnitt aus der Parlamentsdebatte ist charakteristisch für eine
Auseinandersetzung über die Vergangenheit, die die gesamte Erste Republik kenn-
zeichnete und in heutigen Worten wohl als geschichtspolitischer Streit zu bezeichnen
ist : Hatten die zahllosen Opfer einen Sinn oder hatten sie keinen ? Im Wesentlichen
waren es zwei Thematiken, anhand derer sich diese Frage exemplarisch abhandeln
ließ : Im Umgang mit den Toten und im Umgang mit den Beschädigten. Der Umgang
mit den Toten manifestierte sich insbesondere in der Haltung zur Errichtung von
Gefallenendenkmälern,32 hier blieb die Auseinandersetzung ganz auf dem Feld der
Symbolik. Der Umgang mit den Beschädigten aber war wesentlich komplexer, denn
hier mussten, neben der mehr oder weniger stark akzentuierten symbolischen Bedeu-
tung jeder Aussage, zusätzlich eminent materielle Interessen und Bedürfnisse befrie-
digt werden. „Erschwerend“ kam noch die Tatsache hinzu, dass die Toten schwiegen,
während die Beschädigten eine Stimme hatten
– eine Stimme, die nicht zuletzt wegen
des symbolischen Kapitals, das ihre Träger durch das „Opfer“, das sie gebracht hatten
(bzw. zu bringen gezwungen waren), unzweifelhaft angehäuft hatten, nicht so leicht
überhört werden konnte. Obwohl es zwei – unterschiedlicher nicht denkbare – Quel-
len waren, aus welchen sich nach Ansicht der beiden politischen Lager jenes Kapital
speiste – für die eine Seite die des „Heldentums“, für die andere die der „imperialis-
tischen Knechtschaft“ –, konnten sich die beiden Lager doch im Ergebnis einigen.
perbilder 1914–1923 (= Krieg in der Geschichte (KRiG) 41), Paderborn-München-Wien-Zürich 2008 ;
René Schilling, „Kriegshelden“. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813–1945,
Paderborn-München-Wien-Zürich 2002.
32 Zur Errichtung von Kriegerdenkmälern in Österreich in der Ersten Republik siehe Stefan Riesenfellner,
Todeszeichen. Zeitgeschichtliche Denkmalkultur am Beispiel von Kriegerdenkmälern in Graz und in
der Steiermark von 1867–1934, in : Stefan Riesenfellner/Heidemarie Uhl (Hg.), Todeszeichen. Zeitge-
schichtliche Denkmalkultur in Graz und der Steiermark vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegen-
wart, Wien u. a. 1994, S.
1–75 ; Reinhold Gärtner/Sieglinde Rosenberger, Kriegerdenkmäler, Vergangen-
heit in der Gegenwart, Innsbruck u. a. 1991 ; Oswald Überegger, Erinnerungskriege. Der Erste Weltkrieg,
Österreich und die Tiroler Kriegserinnerung in der Zwischenkriegszeit (= Tirol im Ersten Weltkrieg :
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 9), Innsbruck 2011 ; Reinhart Koselleck/Michael Jeismann, Der
politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918