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Bestimmungen
tem involvierten, das letztlich die Höhe der Rente festlegte, die ein Kriegsbeschädig-
ter vom Staat erhielt. 1921 verfasste der in der Behandlung von Kriegsbeschädigten
äußerst versierte Arzt Berthold Beer77 unter dem Titel „Die Invalidenfrage und die
Medizin“ einen Artikel, in dem er die Aufgabe der Ärzte im Begutachtungsverfahren
fundamental infrage stellte :
„Die Bestimmung […] der bürgerlichen Erwerbsfähigkeit und ihrer Minderung in Prozen-
ten ist etwas der Medizin Wesensfremdes, selbst wenn andere Faktoren noch weniger zu
solchen Bestimmungen geeignet erscheinen. Selbst die Benützung sehr nett ausgekünstelter
mathematischer Formeln zu solchen Zwecken könnte bei Laien vielleicht den Eindruck
einer der Medizin noch sehr fernen wissenschaftlichen Präzision erwecken, während sie un-
befangenen Ärzten eine ganz besondere Verwunderung für ihre so hochgelehrten Kollegen
aufdrängte.“78
Ironischerweise kommt Beer trotz seiner Kritik an der Heranziehung der Mediziner
als Gutachter, die ihm geradezu als Missbrauch der Medizin erschien, zu dem Ergeb-
nis, dass „andere Faktoren“ der Aufgabe, die MdE zu bewerten, noch weniger gewach-
sen wären. In weiterer Folge spricht er ein grundsätzliches Problem an, das mit der
Festlegung, bei der Entschädigung ausschließlich auf die Erwerbsfähigkeit abzustellen,
auf ärztlicher Seite zwangsläufig auftreten musste :
„Der Arzt kennt beruflich weder den Wert noch die Wertlosigkeit des Geldes. Der Arzt weiß
nur, daß für den Kranken der Arbeitstag nur einen Bruchteil des Tages repräsentiert. Dem
Arzt erscheinen die Erschwerungen im Alltagsleben, welche der Invalide zu überwinden hat,
zumindest ebenso wichtig als die Verminderung der finanziellen Einnahmsmöglichkeiten
des Siechen, wenn sie sich auch nicht so bequem auf Heller und Pfennig umrechnen lassen.“79
77 Dr. Berthold Beer betreute die „Entkrüppelungsstelle“ des Landesverbandes Wien des Zentralverbandes,
in der die „Wiener manuelle Methode“ angewandt wurde – eine als sehr erfolgreich geltende Massage-
technik, die zur Behandlung von Lähmungen und Versteifungen eingesetzt wurde ; Der Invalide, Nr. 3 v.
1.2.1919, S. 3–5.
78 Berthold Beer, Die Invalidenfrage und die Medizin, in : Der Invalide, Nr. 8 v. 15.4.1921, S. 2. Dem Arti-
kel ist bezeichnenderweise eine Distanzierung des Landesverbandes vorangestellt : Hier würde ein Arzt,
und nicht ein Politiker sprechen, und der Landesverband teile die Ansicht nicht, dass Ärzte ungeeignet
seien, die MdE festzustellen. Siehe auch Margarete Grandner, Staatliche Sozialpolitik in Cisleitha-
nien 1867–1918, in : Helmut Rumpler (Hg.), Innere Staatsbildung und gesellschaftliche Modernisie-
rung in Österreich und Deutschland 1867/71 bis 1914. Historikergespräch Österreich
– Bundesrepublik
Deutschland 1989, Wien-München 1991, S. 150–165.
79 Berthold Beer, Die Invalidenfrage und die Medizin, in : Der Invalide, Nr. 8 v. 15.4.1921, S. 2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918