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264 Die Invalidenbewegung
am 9. Mai 1919 : Kriegsbeschädigte des Kriegsspitals Nr. 4 in Schönbrunn riefen
den – nicht nur nach Einschätzung der Vereinspolizei – „stark kommunistisch[en]“22
Zentralrat der deutsch-österreichischen Kriegsbeschädigten ins Leben.23 Kommunistische
Unruhen eine Woche später, am 15. Juni 1919, forderten zwei Todesopfer unter den
Kriegsbeschädigten des Schönbrunner Kriegsspitals.24
Zentralrat und Sozialwirtschaftlicher Reichsbund stellten sich explizit gegen den
Zentralverband und gründeten in der Folge gemeinsam den Reichsverband der Kriegs-
invaliden-, Kriegerwitwen- und Kriegerwaisen-Organisationen Österreichs,25 den sie als
alternative Dachorganisation ausbauen wollten. Damit waren dem Zentralverband
in Wien zwei oppositionelle Gruppierungen zugewachsen. Zählt man den unbedeu-
tenderen Reichsvollzugsausschuss der Invalidenräte26 noch hinzu, der sich im Wesent-
lichen auf die Vertretung der in den Spitälern untergebrachten Kriegsinvaliden be-
schränkte, so waren es drei. Diese neuen Organisationen erhoben alle den Anspruch,
Kriegsbeschädigte aus ganz Österreich zu vertreten, und nannten sich in den un-
terschiedlichsten Varianten „Reichs“-Zentralen, doch ihre Wirksamkeit entfalteten
sie praktisch nur in der Hauptstadt.27 Ihre Mitgliederzahlen blieben gemessen an
jenen des Zentralverbandes äußerst bescheiden, und insofern waren sie tatsächlich
das, was der Zentralverband gerne in ihnen sehen wollte, nämlich „unbedeutende
13201/1919, RB an StAfsV v. 9.5.1919. Der Konflikt zwischen den beiden Männern wird wiederholt
angesprochen ; z. B. Der Invalide, Nr. 16 v. 15.8.1919, S. 7. Etwa zur selben Zeit – im Juni 1919 – sagte
sich auch die im Februar 1919 gegründete Ortsgruppe Wien XVIII vom Zentralverband los, sie schloss
sich ihm aber im September schon wieder an ; ebd., Nr. 20 v. 15.10.1919, S. 8.
22 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 44, BPDion Wien/VB v. 1.10.1919.
23 Konstituierung : 9.5.1919, Ende der Untersagungsfrist : 22.5.1919 ; ebd., Kt. 1368, 32133/1919 ; ebd.,
Kt. 1559, Sa 44. Umbenennung in Zentralrat der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten, Witwen und
Waisen : 6.11.1919 ; ebd., Kt. 1569, Sa 132, 2755/1921, BPDion Wien/VB v. 23.1.1921. Zentrale Figuren
des Zentralrates waren Hans Mentschl, Robert Holy und Raimund Kalinka.
24 Johann Weidlinger und Adolf Baldessari ; Der Invalide, Nr. 13 v. 1.7.1919, S. 1. Zu den Unruhen siehe
Hautmann, Die Anfänge der linksradikalen Bewegung, S. 116–121.
25 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 46, 1429/1920, RVerb an StAfsV v. 12.1.1920. Die Gründung
des Reichsverbandes erfolgte im November 1919 ; ebd., Kt. 1368, 32877/1919.
26 Ebd., Kt. 1366, 11595/1919 ; ebd., Kt. 1396, 6854/1922 ; die Gruppe trat auch unter diesen Namen auf :
Reichsvollzugsausschuss der Invalidenräte der Heilanstalten und Fürsorgeanstalten für Kriegsbeschädigte ; ebd.,
Kt. 1401, 16560/1922 ; oder : Reichsvollzugsausschuss der Anstaltsinvaliden ; ebd., Kt. 1406, 28290/1922.
Die außerhalb Wiens untergebrachten „Anstaltsinvaliden“ grenzten sich ab und gründeten den Zentral-
rat der Invalidenheime der Provinzen Österreichs ; ebd., Kt. 1397, 9734/1922, Vertreter des Invalidenhei-
mes Graz an StAfsV v. 23.4.1922.
27 Der Versuch des Sozialwirtschaftlichen Reichsbundes etwa, die Landesorganisationen auf seine Seite zu
ziehen, scheiterte und verursachte sogar ein engeres Zusammenrücken der Landesorganisationen und
des Zentralverbandes, indem Erstere erklärten, geschlossen hinter dem Zentralverband zu stehen ; ebd.,
Kt. 1559, Sa 44, 10170/1920, ZV an StAfsV v. 24.3.1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918