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265Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
Zwergorganisationen“.28 Dennoch hatten sie das Potenzial, die Invalidenbewegung
ordentlich durcheinander zu rütteln, und trugen zu einer starken Polarisierung und
Verwirrung unter den Kriegsbeschädigten bei. Heinrich Gallos,29 der ironischerweise
später im Zentralverband selbst zum Spaltpilz werden sollte, aber damals vor allem
mit dem Aufbau eines Invalidenorchesters beschäftigt war, formulierte es in seinem –
letztlich unerhört verhallten
– Einigungsaufruf „An die Invaliden Deutschösterreichs“
im Herbst des Jahres 1919 so :
„[…] die Zersplitterung der Invalidenschaft wurde immer ärger. Anstatt sich zu vereinigen
und geschlossen für das Wohl der gesamten Invalidenschaft zusammenzuarbeiten, schaffte
man neue Organisationen (Konkurrenzverbände der Invaliden), gründete Zeitungen, um ei-
nander zu bekämpfen, eine Flugschrift um die andere, strotzend vor Anklagen und Verleum-
dungen erschien, nur für praktischen und sachlichen Inhalt hat man wenig übrig. Wohin soll
dieser Wahnwitz führen ? … Leider sind diese unsinnigen Schriften nicht ohne Einfluß auf
die Invalidenschaft geblieben. […]
Gegenwärtig haben wir die schönste Desorganisation und, was das Schönste dabei ist, die
Invaliden werden, wenn die Wühlereien nicht bald aufhören, kaum mehr wissen, wohin sie
eigentlich gehören.“30
Auch die staatlichen Stellen waren über die Entstehung neuer Gruppierungen nicht
glücklich, und sahen – wie es das Zivilkommissariat im Staatsamt für Heerwesen ge-
genüber dem Staatsamt für soziale Fürsorge unmittelbar nach der Bildung des Sozi-
alwirtschaftlichen Reichsbundes ausdrückte – „in der Gründung einer separatistischen
Invalidenorganisation eine direkte Gefährdung der Interessen der im Zentralverband
organisierten Invalidenschaft“.31
„Auf keinen Fall könnten die Staatsämter und Behörden, die in dem Zentralverband der
deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten die einzige Vertretung der organisierten Inva-
lidenschaft Deutschösterreich (derzeit 90.000 Invalide) erblicken, auch noch mit anderen
sogenannten ‚wilden Organisationen‘, die eben nur kleinste Bruchteile der Invalidenschaft
unter sich haben, separat verhandeln oder denselben eigene Vertretungen in Aemtern […]
zugestehen. Es würde sich hiedurch eine grosse Zahl von Verhandlungen und Sitzungen mit
verschiedenen Invalidenorganisationen, eine wesentliche Belastung der Arbeitsleistung der
28 Der Invalide, Nr. 15 v. 1.8.1919, S. 4.
29 Zu Gallos vgl. Kapitel 7.2.2.
30 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 46, 25160/1919, Heinrich Gallos : An die Invaliden
Deutschösterreichs !, v. September 1919.
31 Ebd., Kt. 1366, 13201/1919, StAfH/Zivilkommissariat v. 7.5.1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918