Seite - 269 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Bild der Seite - 269 -
Text der Seite - 269 -
269Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
leichtfertigen Umgang mit dem Revolver pflegte,56 benutzte die Organisation, um
mit den einlangenden Spenden einen regen Handel aufzubauen.57 Schließlich wur-
den polizeiliche Ermittlungen gegen den Verein eingeleitet, das Kriegswucheramt trat
in Aktion58 und das Bundesministerium für soziale Verwaltung überlegte, die Reichs-
vereinigung von der Weihnachtssubvention 1920 auszuschließen.59 Obwohl Mentschl
und seine inkriminierten Kollegen von ihren Vorstandsfunktionen zurücktraten und
das Strafverfahren wieder eingestellt wurde,60 gab es Beschwerden über Missstände
im Vorstand auch in den folgenden Jahren.61 Berichte über illegale Sammeltätigkeit
und mangelhafte Buchführung alarmierten das Sozialministerium wiederholt, aber
es schreckte davor zurück, den Verein, der nach Schätzungen des Ministeriums etwa
20.000 Personen vertrat, einfach aufzulösen.62 Es machten sich jedoch gerade 1921
erste Zerfallserscheinungen bemerkbar ; manche Mitglieder der Reichsvereinigung ver-
ließen den Verband und wechselten entweder zum Zentralverband 63 oder zum neuen
Zentralrat,64 andere gründeten selbstständige Ortsgruppen.65
Die neue Reichsvereinigung war politisch nicht klar einzuordnen. Sie grenzte sich
1921 gleichermaßen von kommunistischen wie von reaktionären Kreisen ab.66 Ihr Pu-
blikationsorgan, der Österreichische Kriegsinvalide, pflegte gegenüber der Regierung
56 Bei einer Versammlung der beiden verfeindeten Fraktionen des ehemaligen Zentralrates am 5.12.1920
bedrohte er einen Kriegsbeschädigten mit dem Revolver ; Franz Haas, Eine bewegte Invalidenversamm-
lung, in : Der Invalide, Nr. 23 v. 16.12.1920, S. 5. Franz Haas gehörte zur ausgeschlossenen Fraktion.
57 Menschl und seine Mitstreiter verkauften zum Beispiel vom amerikanischen Roten Kreuz gespen-
dete Kondensmilch oder Stoff und Bekleidung weiter ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132,
35321/1920, Neue Freie Presse, Abendblatt v. 23.12.1920.
58 Ebd., Kt. 1569, Sa 132, 33245/1920.
59 Ebd., Kt. 1569, Sa 132, 33869/1920.
60 Ebd., Kt. 1569, Sa 132, 34872/1920, PDion Wien v. 16.12.1920 ; 34321/1920, Vorstandssitzung der
Gewa ; 34872/1920, IEK Wien an BMfsV v. 17.12.1920.
61 Z. B. ebd., Kt. 1569, Sa 132, 15582/1921 ; 16259/1921 ; „Das Fiasko der Reichsvereinigung“, in : Der
Invalide, Nr. 3 v. 15.3.1922, S. 3.
62 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 5198/1921. Es wurde zumindest eine scharfe Beobach-
tung des Vereins beschlossen ; ebd., Kt. 1569, Sa 132, 17661/1921. Das Sozialministerium überblickte
schließlich Ende 1921 die Vorwürfe und involvierten Persönlichkeiten nicht mehr ; ebd., Kt. 1569, Sa
132, 84/1922. Es gab neuerlich Verfahren wegen Veruntreuung und Preistreiberei durch Kettenhandel
im Jahr 1922, Freisprüche, Verwarnungen und die Drohung der behördlichen Auflösung ; ebd., Kt. 1569,
Sa 132, 27230/1922 ; 38297/1923, PDion Wien an BMfsV v. 20.6.1923.
63 Im Februar 1921 trat beispielsweise die Ortsgruppe Wien IX der Reichsvereinigung geschlossen in die
entsprechende Ortsgruppe des Zentralverbandes ein ; „Der Einigungsgedanke marschiert“, in : Der Inva-
lide, Nr. 6 v. 15.3.1921, S. 3. Andere Ortsgruppen zogen nach ; ebd., Nr. 13/14 v. 25.7.1921, S. 5.
64 Ebd., Nr. 7 v. 1.4.1921, S. 3.
65 Ebd., Nr. 9 v. 1.5.1921, S. 3.
66 „Umgruppierung“, in : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 1 v. 1.1.1921, S. 1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918