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270 Die Invalidenbewegung
einen zurückhaltenden bis vorsichtig wohlwollenden67 und im Allgemeinen demo-
kratischen und antimilitaristischen Ton ; vor allem seit der Genfer Sanierung setzte
sich das Blatt auch häufig mit ökonomischen Fragen auseinander. Nach dem ersten
Zusammenstoß von Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in Österreich im Jahr
192368 bezog die Reichsvereinigung eindeutig Position und verurteilte die „Haken-
kreuzbanditen“, ihren Antisemitismus und die „blödsinnige deutsche Bierkrügelpo-
litik“ scharf.69 Dass die Reichsvereinigung – wie der Zentralverband schon sehr früh
behauptete – in das katholische Fahrwasser geraten war,70 bestätigen die vorliegenden
Quellen nicht.71 Im Gegenteil : Es dürfte inhaltlich sogar eine gewisse Nähe zum gro-
ßen Konkurrenten bestanden haben. Kurz bevor sie sich Mitte 1926 selbst auflöste,
empfahl die Reichsvereinigung ihren Mitgliedern nämlich ganz offiziell den Übertritt
zum Wiener Landesverband des Zentralverbandes.72
Gerade in der Zeit, als die Spaltungsbewegungen und Vereinsneugründungen be-
gannen
– also vom Frühsommer bis zum Herbst 1919
–, stiegen interessanterweise ge-
rade die Mitgliederzahlen des Zentralverbandes sprunghaft an. Diese Entwicklung war
nicht nur auf den erhöhten Beratungsbedarf der Antragsteller und Antragstellerinnen
zurückzuführen, den das eben erlassene Invalidenentschädigungsgesetz nach sich zog ;
sie war auch Folge der nun intensivierten Werbung unter den Kriegerwitwen – einer
Werbung, die ihrerseits ebenfalls mit dem IEG zusammenhing, das ja die Ansprüche
von Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen in einem regelte und, indem es
in die neu errichteten Invalidenentschädigungskommissionen explizit „Vertreter der
67 Z. B. „Die enscheidende [sic] Stunde“, in : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 7 v. Juli 1922, S. 1.
68 Am 2.4.1923 kam es auf dem Exelberg im Westen Wiens zum Zusammenstoß zwischen Sozialdemo-
kraten und Nationalsozialisten („Schlacht am Exelberg“).
69 „Die Hakenkreuzbanditen“, in : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 3 v. 14.3.1923, S. 3.
70 Laut Zentralverband kam es zu einer bemerkenswerten Annäherung zwischen katholischen Kreisen und
dem damals noch unter dem Namen Zentralrat auftretenden Verband, als dieser unter dem Protektorat
eines Prälaten und der Teilnahme des Kardinals Friedrich Gustav Kardinal Piffl ein Fest veranstaltet
habe ; Der Invalide, Nr. 15 v. 16.8.1920, S. 4. Der Zentralrat dementierte das ; Der Zentralrat, Nr. 8 v.
20.8.1920, S. 3.
71 Eine Annäherung der Reichsvereinigung an den christlichsozialen Kriegsbeschädigtenverein gelang an-
geblich genauso wenig wie die im November 1921 angedachte Hinwendung zur nationaldemokratischen
Partei ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 32839/1920 ; 28086/1921.
72 Von der Auflösung berichtet der Artikel „Die Einigung der Kriegsopfer“, in : Der österreichische Kriegs-
invalide, Nr. 9 v. 30.9.1926, S. 2f. Die letzte auffindbare Nummer des Österreichischen Kriegsinvaliden
datiert vom Dezember 1924. Im Mai 1927 antwortet der Landesverband Wien des Zentralverbandes
der Wiener Universitätsbibliothek, dass er nicht wisse, seit wann die Zeitung zu existieren aufgehört
habe, dass aber die Reichsvereinigung mittlerweile aufgelöst sei und die Mitglieder dem Zentralverband
beigetreten seien ; Landesverband Wien an Ausleiheamt der Universitätsbibliothek v. 10.5.1927, beige-
bunden : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 8 v. Dezember 1924, UBW : III 472093 II.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918