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274 Die Invalidenbewegung
der Ortsgruppe Wien XX, weil das Gerücht umging, dass im Anschluss an das Fest
ein monarchistischer Umzug stattfinden würde ; wieder musste die Sicherheitswache
eingreifen, um Zusammenstöße zu verhindern.89 Im Invaliden wurde über den christ-
lichsozialen Verband und seine Vertreter mit allergrößter Verachtung berichtet ;90 die
Gegnerschaft schien unüberwindbar. Zentralverband und Reichsbund spiegelten die
politische Zweiteilung, von der Österreich in der Zwischenkriegszeit bestimmt war,
ideologisch klar wider.
Vor allem in Wien war die Organisationslandschaft aber auch jenseits der sich hier
anbahnenden Polarisierung mittlerweile ziemlich unübersichtlich geworden. Die Po-
lizeidirektion Wien übersandte dem Staatsamt für soziale Verwaltung im Oktober
1919 eine Liste von insgesamt 15
– größtenteils eben erst gegründeten
– Vereinen, die
Kriegsbeschädigte vertraten, und sprach von vielfachen „Hemmungen“ „durch die im
Schosse der Vereine entstehenden Parteiengegensätze und Interessendivergenzen“.91
Genaue Verzeichnisse über den Mitgliederstand der einzelnen Vereine gab es keine –
selbst der Zentralverband verfügte ein Jahr nach seiner Gründung über solche Auf-
zeichnungen noch nicht92 –, daher musste sich die Polizeidirektion mit Schätzungen
und unüberprüfbaren Angaben behelfen. Neben dem Zentralverband mit zu jener Zeit
etwa 100.000 Mitgliedern, dem Sozialwirtschaftlichen Reichsbund mit rund 3.500, dem
Zentralrat mit etwa 6.200 und dem alten und dem neuen christlichsozialen Verein
mit zusammen etwa 5.300 Mitgliedern waren auch einige, noch kleinere Organisati-
onen entstanden, die sich mehr oder weniger gut behaupteten. Unter ihnen sind zwei
Vereine besonders hervorzuheben : der eine, weil er eine Gruppe von Kriegsbeschä-
digten vereinte, die wegen des Charakters ihrer Beschädigung in jeder Hinsicht eine
Sonderstellung einnahmen, nämlich die Kriegsblinden, und der andere, weil er einer
Gruppe von Kriegsbeschädigten als Vertretung diente, die für sich ebenfalls eine Son-
derstellung beanspruchten – jedoch nicht wegen ihrer Beschädigung, sondern wegen
ihres gesellschaftlichen Status’ als Berufsmilitärs, höhere Beamte und Intellektuelle.
Während dem mit 150 Mitgliedern sehr kleinen Verband der Kriegsblinden Deutschös-
terreichs seine Position gerne zugebilligt wurde, stieß der Verband kriegsbeschädigter
Intellektuel ler Deutschösterreichs93 bei den übrigen Vereinen jedoch auf weniger Gegen-
89 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 44, 20356/1921, PDion Wien an BMfsV v. 8.8.1921.
90 Z. B. Der Invalide, Nr. 12 v. 25.6.1921, S. 3 ; Nr. 15 v. 10.8.1921, S. 3 ; Nr. 16 v. 25.8.1921, S. 1f ; Nr. 20 v.
25.10.1921, S. 3.
91 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 44, 27588/1919, PDion Wien an StAfsV v. 1.10.1919. Die
meisten waren reine Kriegsbeschädigtenvereine, andere eher Heimkehrervereine.
92 K.R. [Kainradl Rupert ?], Der Länderkonferenz zum Geleit !, in : Der Invalide, Nr. 23 v. 1.12.1919, S. 1f,
hier S. 1.
93 Vgl. auch AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1367, 21310/1919. Dieser Verband, der letzte auf der polizei-
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918