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276 Die Invalidenbewegung
9.1.2 Zwei Sonderfälle : Die Organisationen der Kriegsblinden und der „Intellektuellen“
9.1.2.1 Die Kriegsblinden
Kriegsblinde hatten unter den Kriegsbeschädigten immer eine erstaunliche Son-
derstellung. Sie erfuhren schon im Krieg vonseiten der Fürsorgeeinrichtungen, aber
auch der staatlichen Stellen mehr Aufmerksamkeit als andere Kriegsbeschädigte.100
Sie profitierten davon, dass die Spendenbereitschaft der Bevölkerung, wenn es um
Kriegsblinde ging, besonders groß war,101 und sie blieben auch nach dem Krieg durch
verschiedene gesetzliche Ausnahmeregelungen vor anderen Kriegsbeschädigten
begünstigt. Sie erhielten zur Rente nach dem IEG etwa automatisch den Hilflo-
senzuschuss, wurden bei der Vergabe von Tabaktrafiken102 bevorzugt und bildeten
die einzige Gruppe, der in den staatlichen Gremien Sitz und Stimme unabhängig
von ihrer Stärke garantiert war.103 Dieses Vorrecht war insofern begründet, als sich
Kriegsblinde in einem rein die Mehrheiten repräsentierenden System nie behaup-
ten hätten können. Ihre Zahl war nämlich verschwindend klein. Nur etwa 300 ehe-
malige Soldaten galten in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg als kriegsblind.104
Trotzdem wurde die privilegierte Position dieser Männer auch vonseiten der übrigen
Kriegsbeschädigten(-Organisationen) nie infrage gestellt. Ihre Sonderstellung war
eine Selbstverständlichkeit, und es galt als ausgemacht, dass – wie es die Zeitung des
100 Diese Privilegierung spiegelt sich auch in manchen Details der alten Militärversorgung wider ; 50 Jahre
Verband der Kriegsblinden Österreichs. 1919–1969, Wien 1969, S. 21.
101 Ein Beispiel : Der schon zu Beginn des Krieges im Ministerium des Innern installierte Kriegsblin-
denfonds für die österreichischen Staatsangehörigen der gesamten bewaffneten Macht sollte Auf-
gaben wahrnehmen, welche die Leistungsfähigkeit lokaler Organisationen überstiegen hätten : Er
sollte Kriegsblinde beim Erwerb von Kriegsblindenheimstätten unterstützen, die Einrichtung von
Bibliotheken fördern und ein Kataster anlegen ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über
Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1915, S. 56–59. Der Fonds war außerordentlich gut dotiert ;
er erhielt bei seiner Gründung die im Ministerium des Innern bis Ende 1915 eingelangten Spenden
für Kriegsblinde in der Höhe von Kr 760.555 ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über
Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1916, S. 108f. Der Fonds wurde später vom Ministerium für
soziale Fürsorge übernommen ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1356, 1460/1918 ; ebd., Kt. 1361,
13824/1918.
102 Zu den Tabaktrafiken vgl. Kapitel 12.2.
103 Für Kriegsblinde wurde außerdem neben der ständigen Invalidenfürsorgekommission eine eigene
Kriegsblindenfürsorgekommission im Staatsamt für soziale Fürsorge geschaffen ; Staatsamt für soziale
Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1919, S.
363 und S.
429. Zu den Gremien siehe Kapitel 7.2.1.
104 Es existieren verschiedene Zahlen. Hoffmann zitiert zwei Quellen, in denen die Zahl der österrei-
chischen Kriegsblinden einmal (1925 im österreichischen Nationalrat) mit 275, einmal (1929 in der
Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen) mit 325 angegeben wird ; siehe Barbara Hoffmann,
Kriegsblinde in Österreich 1914–1934, Graz-Wien-Klagenfurt 2006, S.
14. Die offizielle Statistik weist
für das Jahr 1922 274 Kriegsblinde aus ; vgl. Tabelle 17 in Kapitel 14.1.1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918