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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Seite - 278 -
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278 Die Invalidenbewegung vor Erblindung speiste sich sicherlich aus der bedrohlichen Vorstellung eines Lebens in völliger Dunkelheit, absoluter Hilflosigkeit und dauernder Abhängigkeit. Damit ist das Phänomen der Sonderstellung von Kriegsblinden aber noch nicht hinreichend erklärt. Vollständige Lähmung und Vielfachamputationen erzeugten real eine noch viel massivere Pflegebedürftigkeit und verurteilten Kriegsbeschädigte oft zu einer dau- erhaften Unterbringung in einem Invalidenheim. Bei der Wahrnehmung von Kriegs- blinden machten sich daher wahrscheinlich noch andere Einflüsse bemerkbar. Man darf nicht vergessen, dass Kriegsblindheit immer auch die Assoziation mit Giftgas heraufbeschwor, dessen Einsatz im Ersten Weltkrieg ja eine schockartige Wirkung erzeugt hatte.109 Jedenfalls aber warf Blindheit die Betroffenen in eine Isolation, wie sie in dieser Art keine der anderen Beschädigungen mit sich brachte. Angesichts der beschriebenen Ausnahmeposition mag es erklärlich sein, dass Kriegsblinde sich von Anfang an separat von den übrigen Kriegsbeschädigten orga- nisierten. Sie bauten nach Kriegsende bald ihren eigenen Verband auf, der nicht nur Interessenvertretung war, sondern auch  – und mehr als das von den anderen, bedeu- tend größeren Organisationen bekannt ist  – als Ort des Austausches, der Kommu- nikation und der Geselligkeit fungierte.110 „Vergessen wir doch nicht, dass das, was wir Kriegsblinde fühlen oder zu leiden haben, eben doch nur wir Kriegsblinde er- leben und verstehen können“,111 wird nicht nur einmal das besondere Wir-Gefühl der Kriegsblinden hervorgehoben. Die zunächst im November 1918 innerhalb des Zentralverbandes gebildete Kriegsblindensektion112 machte sich schon im Mai 1919 als Verband der Kriegsblinden Deutschösterreichs113 selbstständig. Im Oktober desselben Jah- res zählte der Verein schon an die 150 Personen, also etwa die Hälfte der österreichi- 109 Wolfgang Zecha, „Unter die Masken !“ Giftgas auf den Kriegsschauplätzen Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg, Wien 2000. 110 Z. B. Nachrichten des Verbandes der Kriegsblinden Österreichs, Nr. 1 v. Jänner 1923. Vgl. dieselbe Ar- gumentation bei der späteren Abspaltung „Bund der österreichischen Kriegsblinden“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 11 v. November 1933, S.  5. 111 Nachrichten des Verbandes der Kriegsblinden Österreichs, Nr. 1 v. Jänner 1923, S.  2. 112 Zu der am 30.11.1918 eingerichteten Kriegsblindensektion siehe Hans Hirsch, Die Kriegsblinden und der Zentralverband, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S.  10 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1366, 14875/1919. 113 AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2818 (Verband der Kriegsblinden Österreichs). Das Vereinsbüro war zuerst an der Adresse Wien V, Kriehubergasse 26 und ab Oktober 1919 gemein- sam mit dem Zentralverband in Wien I, Landskrongasse 1 untergebracht. Ab Juni 1920 residierte der Kriegsblindenverein im Garnisonsspital in Wien III, Rennweg 89 und schließlich in Wien III, Hens- lerstraße 3 ; vgl. auch AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1375, 19785/1920. Zum Verein, wenn auch un- genau, Hoffmann, Kriegsblinde, S.  157–165. Siehe auch Franz Fibich, „Sieben Jahre Organisation der Kriegsblinden“, in : Nachrichten des Verbandes der Kriegsblinden Österreichs, Nr. 10/11 v. Oktober/ November 1925, S.  1–3.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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Titel
Die Wundes des Staates
Untertitel
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Autoren
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
586
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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