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284 Die Invalidenbewegung
Verband kriegsbeschädigter Intellektueller befürchtete nämlich – angesichts des „aner-
kannt geringen Wohlwollen[s], welches die Berufsmilitärpersonen dermalen bei vielen
Kreisen finden“148 – eine Benachteiligung ihrer Klientel bei der medizinischen Begut-
achtung.149 Er hatte den früheren, militärisch besetzten Kommissionen eher vertraut.
Der Verein gab eine eigene Zeitung heraus,150 erwarb eine Kinolizenz in Wien151
und wurde Anfang der 1930er-Jahre auch Teilhaber einer Firma.152 Eine
– wenngleich
bescheidene
– Wirkung über Wien hinaus konnte er erst in den späten 1920er-Jahren
durch die Einrichtung eigener Landesstellen entfalten. Politisch dürfte der Verband
anfangs monarchistisch orientiert gewesen sein,153 später sah er die Interessen der
Kriegsbeschädigten in der „bewährten bürgerlichen Gesellschaftsordnung“154 am bes-
ten gewahrt, bezeichnete sich selbst aber stets als unpolitisch.
9.2 Aufruhr und Beruhigung : Drei Beispiele
Die erste Zeit des Zentralverbandes war eine Phase großer Unruhe unter den Kriegs-
beschädigten, wie unter der Bevölkerung Deutschösterreichs überhaupt. Die vielfälti-
gen gesellschaftlichen Umbrüche ließen politische Strömungen jeder Art entstehen,
die militärische Niederlage, die ungeordnete Demobilisierung und die katastrophale
Versorgungslage radikalisierten die Situation zusätzlich. Unzufriedenheit entlud sich
vielerorts. Das einzige, was in der neuen demokratischen Verfasstheit der jungen
Republik tatsächlich möglich schien, war, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
„Selbstermächtigung“ ist das Schlagwort, das viele der in den Jahren 1918 und 1919
zu beobachtenden Bewegungen charakterisiert. Die Invalidenbewegung ist da keine
148 Ebd., Kt. 1369, 35244/1919.
149 Vgl. auch ebd., Kt. 1390, 26879/1921, Vorakt 19876/1921, Verb/Int an BMfsV v. 1.8.1921.
150 Nachrichten Reichsverband.
151 Er betrieb seit Jänner 1922 die Eos-Lichtspiele in Wien III, Ungargasse 60 ; AT-OeStA/AdR BKA
BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegsbeschädigten Intellektuellen Öster-
reichs) ; „Zur zehnten Jahreswende der Gründung unseres Verbandes“, in : Nachrichten Reichsverband,
Folge 14 v. 16.11.1929, S. 1f, hier S. 2.
152 Die Firma „Austria“ vertrieb Wohltätigkeitsprodukte im Auftrag verschiedener Vereine, ihr Inha-
ber wurde 1932 wegen Betrugsverdachts inhaftiert, die Firma selbst gesperrt ; AT-OeStA/AdR BKA
BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegsbeschädigten Intellektuellen Öster-
reichs), BPDion Wien an Staatsanwaltschaft v. 1.2.1932.
153 Die Vereinspolizei berichtete von „wiederholte[n] Ankündigungen des Vereins in der monarchistischen
Staatswehr“ ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegs-
beschädigten Intellektuellen Österreichs).
154 „Die Mitarbeit der Kriegsbeschädigten in der staatlichen Invalidenfürsorge“, in : Nachrichten Reichs-
verband, Folge 14 v. 16.11.1929, S. 2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918