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288 Die Invalidenbewegung
ihre ideologische Aufladung verloren und musste sich als wirkliche Berufsausbildung
bewähren.160
Probleme mit der Aktion hatte es schon im letzten Kriegsjahr gegeben : Manche
Kurse hatten wegen Kohlemangels während des Winters nicht mehr angeboten wer-
den können.161 Andere waren von der Schließung bedroht gewesen, weil selbst die
einfachsten Materialien und Rohstoffe oft kaum mehr aufzutreiben gewesen waren
oder weil man die Verpflegung der Kriegsbeschädigten nicht mehr zu gewährleisten
vermochte.162
In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschte dann große Verwirrung über die
Frage des Fortbestands der staatlichen Invalidenschulen.163 In den neuen Staatsämtern
strebte man anfangs die Beibehaltung dieser Einrichtungen an.164 Auch der Zentral-
verband setzte sich für die Aufrechterhaltung der Invalidenschulung ein, wenngleich
er diese ausschließlich „auf zivilistischer Basis“165 akzeptieren wollte. Nach kurzer Zeit
zeigte sich aber, dass hier die Rechnung ohne die Kriegsbeschädigten gemacht wurde :
Die Zahl der Invalidenschüler ging nämlich so stark zurück, dass viele Kurse aufge-
160 Die 1916 im Garnisonsspital II von der Pflegeschwester Gusty Wundt angeregten Spitalswerkstätten,
in denen während des Krieges gleichzeitig bis zu 140 Verwundete kleine Holzarbeiten, Korbwaren und
ähnliche Produkte hergestellt hatten, zählten 1920 nur mehr zwölf Beschäftigte. Das österreichische
Gewerbeamt sprach diesem Unterfangen zwar seine Anerkennung aus, zog jedoch über die Wirkung
der Einrichtung eine ernüchternde Bilanz : „Irgendeine Bedeutung für das Gewerbe oder das Kunst-
gewerbe kann der Werkstätte weder als Schule noch als kaufmännisch-gewerblicher Betrieb zugespro-
chen werden“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1370, 3999/1920.
161 Etwa die Schulungen der Kriegsinvalidenschule Lemberg im Winter 1917/1918 ; ebd., Kt. 1358,
5751/1918.
162 Der Friseurwerkstätte der Kriegsinvalidenschule Klagenfurt mangelte es an Seife ; ebd., Kt. 1360,
10850/1918. Erst die Intervention der Kärntner Landeskommission führte zur Zuweisung von 100
Stück Rasierseife ; ebd., Kt. 1361, 13753/1918. Die Salzburger Landeskommission bat in diesem Zu-
sammenhang um die Bestellung eines Inspektors für soziale Schulung, der kontrollieren sollte, ob bei
den Invalidenkursen alle Materialien vorhanden waren ; ebd., Kt. 1361, 13336/1918.
163 Der Arbeitsausschuss für Soldatenunterricht des Patriotischen Hilfsvereins vom Roten Kreuz für Nie-
derösterreich fragte beispielsweise schon am 14.11.1918 beim neuen Staatsamt für soziale Fürsorge
an, ob es sich der vom Arbeitsausschuss vor allem im Bereich des Sprach- und Schreibunterrichts
angebotenen Kurse (Kalligrafieunterricht von Rudolf und Josephine Pick) bedienen wolle oder ob die
Einrichtung aufgelöst werden solle ; ebd., Kt. 1364, 1475/1918.
164 Das Staatsamt für öffentliche Arbeiten verkündete im Dezember 1918, dass die Invalidenschulen in
Wien und Niederösterreich uneingeschränkt weiterarbeiten würden ; Staatsamt für soziale Verwaltung,
Mitteilungen über Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1918, S. 370 ; vgl. auch Der Invalide, Nr. 4 v.
15.2.1919, S. 3f. Das Staatsamt für soziale Fürsorge wollte unter eigener Führung ein neues einheitli-
ches Schulungsprogramm aufstellen und die bisher auf mehrere Ministerien aufgeteilten Kompetenzen
im eigenen Haus bündeln ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 4580/1918, Interministerielle Kom-
mission für Invalidenfürsorge, Protokoll v. 27.12.1918.
165 Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918