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291Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
wurde auch das Linzer Schulungsheim geschlossen.177 Kriegsbeschädigte konnten zwar
weiterhin Ausbildungen in Anspruch nehmen, doch es gab keine für sie reservierten,
separaten Schulungseinrichtungen mehr. Die Invalidenschulung war eine Maßnahme
mit Ablaufdatum. Als der durch das IEG gewährte Anspruch auf kostenlose Schulung
für Kriegsbeschädigte Mitte 1927 aufgehoben wurde, war die Nachfrage bereits sehr
gering ; am Ende dieses Jahres standen österreichweit nur mehr 129 Kriegsbeschädigte
in Ausbildung.178
Die Idee, dem Problem der beruflichen Wiedereingliederung mittels Schulung der
Kriegsbeschädigten beizukommen, erwies sich gleich zu Beginn der jungen Republik
als wenig tragfähig. Rückblickend zeigte sich, dass die Invalidenschulung der Kriegs-
jahre mehr eine ideologische, als eine konkret wirksame Fürsorgemaßnahme gewesen
war. Denn nun – nach dem Krieg – gestaltete sich die Unterbringung von Kriegs-
beschädigten auf Arbeitsplätzen ungleich schwieriger als zuvor. Die Wirtschaft lag
danieder und konnte schon die Masse der demobilisierten Soldaten nicht aufnehmen,
geschweige denn den Kriegsbeschädigten Arbeitsplätze bieten. Die Arbeitslosigkeit in
Österreich war hoch : 150.000 Menschen (fast 20 %) waren im Durchschnitt des Jah-
res 1919 arbeitslos gemeldet.179 Das Prinzip, Kriegsbeschädigten Arbeit zu geben und
sie dadurch in die Lage zu versetzen, sich selbst zu erhalten, wurde aber keineswegs
fallen gelassen. Diese Frage beschäftigte Fachleute180 und Staatsämter gleichermaßen.
177 Ebd., Kt. 1411, 12625/1923.
178 Siehe Lorenz Linseder, Kriegsbeschädigtenfürsorge, in : Wilhelm Exner (Hg.), 10 Jahre Wiederaufbau.
Die staatliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Republik Österreich 1918–1928, Wien
1928, S. 265–268, hier S. 268.
179 Karl Forchheimer, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitsvermittlung, in : Exner, 10 Jahre Wiederaufbau,
S. 273–275, hier S. 275. Siehe Ernst Bruckmüller, Sozialgeschichte Österreichs, Wien 1985, S. 500f.
180 Dieselben Personen, die schon während des Krieges in der Kriegsbeschädigtenfürsorge tätig gewe-
sen waren, beschäftigten sich auch in den ersten Jahren der jungen Republik mit diesem Thema. Ju-
lius Schütz, Facharzt für innere Krankheiten bei der Invalidenbegutachtungskommission, und Adolf
Deutsch, Chefarzt des Wiener Invalidenamtes, organisierten 1919 in einer gemeinsamen Aktion des
Zentralverbandes, des Invalidenamtes und der Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvalide eine Er-
hebung in medizinischen und arbeitsmarktpolitischen Fachkreisen, die von zwei Seiten her feststellen
sollte, für welche Berufe sich erkrankte Kriegsbeschädigte eigneten ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt.
1379, 34870/1920, Vorakt 8472/1919 v. März 1919. Von dieser Erhebung ist auch in einer der ersten
Nummern der Zeitung des Zentralverbandes die Rede ; Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 2 und S. 4.
Es war beabsichtigt, den ärztlichen Teil dieser Enquete in den Mitteilungen des Amtes für Volks-
gesundheit im Staatsamt für soziale Verwaltung, den gewerblich-sozialen Teil in der Zeitschrift des
Vereins Die Technik für die Kriegsinvaliden zu veröffentlichen ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1379,
34870/1920, Vorakt 20575/1919 v. 10.7.1919. Aber nur der ärztliche Teil erschien als Buch. Dritter
Mitherausgeber dieser Publikation war Rudolf Bernhart, der Leiter der Wiener Invalidenschule in der
Michelbeuerngasse ; Arbeit für Kriegsbeschädigte. Ergebnisse einer Enquete veranstaltet von Rudolf
Bernhart, Adolf Deutsch und Julius Schütz, Wien 1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918