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292 Die Invalidenbewegung
Man bemühte sich darum, Kriegsbeschädigte im Staatsdienst anzustellen,181 wenn-
gleich erst der Verwaltungsapparat, der zur Abwicklung der Ansprüche von Kriegs-
beschädigten im Zuge des Invalidenentschädigungsgesetzes ab April 1919 geschaffen
wurde,182 dann tatsächlich in der Lage war, neue Arbeitsplätze für Kriegsbeschädigte
im öffentlichen Dienst bereitzustellen. Was die Privatwirtschaft betraf, so wäre in der
katastrophalen Wirtschaftslage nach dem Krieg der Appell an Arbeitgeber, Kriegs-
beschädigte zu beschäftigen, vollkommen ungehört verhallt. In dieser Situation war
es nur verständlich, dass eine Idee, die schon vor 1918 verschiedentlich geäußert,183
ja in den zuständigen Ministerien bereits diskutiert und konkret behandelt worden
war,184 wieder aufgegriffen wurde, nämlich die Idee, Arbeitgeber zur Anstellung von
Kriegsbeschädigten gesetzlich zu verpflichten. Das Invalidenbeschäftigungsgesetz185
vom Oktober 1920, das Arbeitgeber zwang, einen Teil der verfügbaren Arbeitsplätze
für Kriegsbeschädigte bereitzuhalten, setzte diese Idee schließlich um. Damit wurde
ein Weg bestritten, wie ihn auch das Deutsche Reich und – wenngleich mit Ein-
schränkungen – Großbritannien einschlugen.186 Es kehrte sich auf diese Weise auch
ein Prinzip, das die Invalidenschulung in so besonderem Ausmaß geprägt hatte, in
sein Gegenteil. War Ziel der Invalidenschulung noch gewesen, Kriegsbeschädigte so
„herzurichten“, dass sie für den Arbeitsmarkt taugten, so versuchte das neue Gesetz
nun, diesen so zu gestalten, dass er Kriegsbeschädigte aufnahm.
9.2.1.2 Genossenschaftsgründung
Die ersten Nachkriegstage und -wochen waren in der Invalidenstadt in Wien-Favori-
ten eine Zeit des Aufruhrs. Damals dürfte sich für den Komplex auch die Bezeichnung
„Schleierbaracken“ herausgebildet haben. Zunächst schien es so, als ob die Werkstät-
ten auch hier geschlossen werden müssten.187 Viele Kriegsbeschädigte verließen die
Anstalt, es kam zu Plünderungen.188 Am 16. Dezember 1918, als nur mehr knapp
181 Z. B. AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 1910/1918, Gasteiger v. 28.11.1918.
182 Also die Invalidenämter und Invalidenentschädigungskommissionen ; vgl. Kapitel 10.2 und 12.1.
183 Zum Beispiel in der Resolution des Wiener Gemeinderates v. 6.2.1918 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb,
Kt. 1359, 9055/1918, Amtsblatt der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien v. 12.2.1918. Ein noch
früheres Beispiel ist Karl Egers Aussage ; ebd., Kt. 1358, 3848/1918, S. 28.
184 Ebd., Kt. 1359, 9055/1918, Bericht.
185 StGBl 1920/459 ; vgl. Kapitel 12.3.
186 Siehe Deborah Cohen, Will to Work. Disabled Veterans in Britain and Germany after the First World
War, in : David A. Gerber (Hg.), Disabled Veterans in History, Ann Arbor, Mich. 2000, S. 295–321.
187 Der Invalide, Nr. 5 v. 1.3.1919, S. 1.
188 Dr. Erwin Suchanek erhielt auf Antrag der Invalidenentschädigungskommission Ende 1920 den Titel
Medizinalrat verliehen, weil es ihm gelungen war, die Invalidenschulen „in den Tagen des Umsturzes“
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918