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299Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
sich ihr Charakter nun, da sie von den Betroffenen selbst getätigt wurden : Jetzt dien-
ten diese Argumente der Untermauerung von als berechtigt empfundenen Ansprüchen
an den Staat. Das von den Kriegsbeschädigten in Selbsthilfe begonnene Unterfangen
der Genossenschaftsgründung benötigte nämlich staatliche Hilfe, und die Inanspruch-
nahme dieser Hilfe war
– so die implizite Begründung
– umso gerechtfertigter, als sich
Kriegsbeschädigte, die sich, statt „Almosen“ zu fordern, sogar der „restlosen Pflichter-
füllung“ verschrieben, der staatlichen Unterstützung als würdig erwiesen.
9.2.2 Schloss Laxenburg221
Schon am 7. April 1919, nur vier Tage nach der Verabschiedung des Habsburgergeset-
zes,222 wandte sich der Zentralverband an das Staatsamt für soziale Verwaltung und
verlangte, dass der Invalidenschaft ein Teil der dynastischen Güter „zur Selbstverwal-
tung und Benützung übergeben werde“.223 Sein konkretestes Interesse richtete sich
dabei auf das Schloss Laxenburg, eine unweit von Wien gelegene ehemalige Som-
merresidenz der Habsburger.224 Ohne genaue Angaben zu machen, behauptete der
Zentralverband, dass die Finanzierung seines Planes, dort ein Rekonvaleszentenheim
für intern erkrankte Kriegsbeschädigte und ein Heim für kranke Kinder von Kriegsbe-
schädigten einzurichten, zum größten Teil bereits sichergestellt sei. Neben der Schaf-
fung dieser medizinischen Versorgungseinrichtungen war auch an den Ausbau des
Schlosses zu einem Wohn- und Arbeitsort für Kriegsbeschädigte gedacht, die sich
durch die Nutzung der vorhandenen Ressourcen selbst versorgen würden. Sie soll-
ten die Kunstschätze und Prunkgemächer instand halten, die Wirtschaftsgebäude für
Milchwirtschaft, Schweine-, Geflügel- und Bienenzucht verwenden, den Park teil-
weise urbar machen und die nicht selbst benutzten Teile des Schlosskomplexes als Er-
holungsraum frei zugänglich halten.225 Der Zentralverband hatte hehre Vorstellungen :
„Das ehemalige Lustschloss, welches mit Aufwendung grosser Summen für einen kurzen,
oft nur wenige Wochen dauernden Aufenthalt der ehemaligen kaiserlichen Familie erhalten
221 Siehe zu diesem Kapitel auch Verena Pawlowsky/Harald Wendelin, Die Verwaltung des Leides.
Kriegsbeschädigtenversorgung in Niederösterreich, in : Peter Melichar/Ernst Langthaler/Stefan Emin-
ger (Hg.), Niederösterreich im 20. Jahrhundert, Wien-Köln-Weimar 2008, S. 507–536.
222 StGBl 1919/209.
223 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 11946/1919, ZV an StAfsF v. 7.4.1919 ; ein ver-
gleichbares Schreiben adressierte der Verband auch an den Wiener Bürgermeister ; ebd., 12151/1919,
ZV an Wiener Bürgermeister, eingelangt am 11.4.1919.
224 1854 verbrachten Kaiser Franz Joseph und seine Frau Elisabeth ihre Flitterwochen in Laxenburg. Der
spätere Kronprinz Rudolf wurde hier geboren.
225 Ebd.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918