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305Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
geführt. Sein Name taucht immer wieder in Protokollen auf ; gemeinsam mit anderen
vertrat er den niederösterreichischen Landesverband bei diversen Besprechungen.247
Die Administration von Laxenburg war zum Zeitpunkt der Besiedlung durch die
Kriegsbeschädigten noch nicht auf das Staatsamt für soziale Verwaltung übergegangen,
alle Abrechnungen und Auszahlungen mussten daher über die Schlosshauptmann-
schaft abgewickelt werden.248 Das führte zur paradoxen Situation, dass die Kriegsbe-
schädigten nun Angestellte der hofärarischen Wirtschaftsbetriebe wurden249 und genau
jene Struktur geschaffen war, die der Zentralverband abgelehnt hatte. Bis zum Ende der
Laxenburger „Invalidenkolonie“250 sollte sich an diesem Zustand nichts ändern.
9.2.2.2 Abbauaktion und Gründung des Kriegsgeschädigtenfonds
Was in den insgesamt eineinhalb Jahren geschah, die bis zu 150 Kriegsbeschädigte in
Laxenburg verbrachten, hatte wenig mit dem ursprünglich konzipierten Invalidenun-
ternehmen zu tun. Vom Staatsamt notdürftig versorgt, lebten diese Männer in großer
Armut, verrichteten diverse Dienste, vor allem im Rahmen der Parkbewachung,251 und
mussten den Ort schließlich wieder verlassen, ohne dass ihr Projekt auch nur ansatz-
weise verwirklicht worden wäre. Fast die gesamte Kraft und alle Mittel wurden für den
laufenden Betrieb verwendet – für die Akquirierung von Holz und Kohle, die Instal-
lierung der Stromversorgung,252 die Inbetriebnahme einer zentralen Kriegsküche,253
die Bezahlung der Kriegsbeschädigten und die Beschaffung von Kleidungsstücken –,
die anfänglich formulierten Ideen hingegen kamen über das Planungsstadium nicht
hinaus. Die Einkleidung der als Parkwächter eingesetzten Kriegsbeschädigten be-
schäftigte die relevanten Stellen beispielsweise ganze sieben Monate lang. Bekleidung
und Beschuhung der Kriegsbeschädigten waren im September 1919 in einem derart
„desolaten Zustand“,254 dass die Durchführung des Wachdienstes – noch dazu wäh-
247 Etwa bei der kommissionellen Begehung Laxenburgs am 22.1.1920 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt.
1554, Sa 29, II. Teil, 1151/1920.
248 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 21918/1919.
249 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 1151/1920.
250 So die Formulierung in einem Schreiben des Staatsamtes für Volksgesundheit ; AT-OeStA/AdR
BMfsV Kb, Kt. 1381, 3787/1921, StAfV an StAfsV v. 11.3.1920.
251 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 23606/1919, Protokoll einer Sitzung v. 18.8.1919. Mit den vorhandenen
insgesamt sechs Parkwächtern meinte man kein Auslangen finden zu können. 60 Mann aus den Reihen
der Kriegsbeschädigten sollten Devastierungen auf dem weitläufigen Gelände verhindern.
252 Anschaffung eines Benzinmotors für die Beleuchtungsanlage ; ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 29952/1919,
Schlosshauptmannschaft an StAfsV v. 29.10.1919.
253 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 25009/1919.
254 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 2529/1919, Schlosshauptmannschaft an StAfsV v. 4.9.1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918