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310 Die Invalidenbewegung
die Heilanstalt Alland gebracht worden. Am 27. April 1920 hatte die Laxenburger
Invalidenkanzlei beim Staatsamt noch einmal um eine sechswöchige Verlängerung des
Krankenurlaubs gebeten, da „sich das Leiden unseres Kameraden Bannert im Dienste
der Allgemeinheit derart verschlechter[t] hat, dass nach Mitteilung seiner Frau, der
Arzt jede Besserung für ausgeschlossen hält und jeden Tag mit dem Ableben Ban-
nerts gerechnet werden muss.“286 Dieses Ansuchen war schon am nächsten Tag gegen-
standslos geworden. Ein handschriftlicher Vermerk auf dem Akt informiert darüber,
dass ein Vertreter der Laxenburger Kriegsbeschädigten mitgeteilt habe, dass Bannert
am 28. April 1920 in Alland verstorben war. Ende Dezember 1920 endete auch Gros-
selfingers Tätigkeit in Laxenburg, der einarmige Architekt war ebenfalls schwer krank.
Er starb im Mai 1921.287
9.2.3 Zwischen Palais und Kaserne : Die Adressen des Zentralverbandes
Auch die Kriegsbeschädigtenverbände brauchten Räumlichkeiten für ihre Büros und
Beratungseinrichtungen. In den ersten Monaten nach dem Kriegsende ging es noch
ausschließlich um die unmittelbare Bewältigung der akut anstehenden Probleme ; die
Repräsentativität der Unterbringung war da noch kein Thema. Die Bemühungen des
Zentralverbandes um eine adäquate Örtlichkeit für seinen Wiener Landesverband und
die Bundesgeschäftsstelle zeigen aber, dass auch der Verband sich bald der symboli-
schen Bedeutung der Räume bewusst wurde. Vor allem ging es um die „Besetzung“
solcher Plätze, die mit dem alten Regime konnotiert waren. Sobald hier aber ein ge-
wisser Prunk ins Spiel kam, gab es Probleme mit der eigenen Klientel, deren Identifi-
kation mit dem Verein angesichts des Widerspruchs zwischen dem eigenen Elend und
den wohleingerichteten Arbeitsräumen der Vereinsfunktionäre rapide sank.
Anfangs war der Zentralverband in einigen Zimmern des Wiener Divisionsgerichts-
gebäudes am Hernalser Gürtel untergebracht.288 Die zugewiesenen Räumlichkeiten
reichten aber praktisch von Anfang an nicht aus. Die Schilderungen aus jener Zeit
sind eindrücklich. Die Auskunftsstelle beispielsweise war „täglich zum Erdrücken
voll“,289 sie war „vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit einer aufgeregten,
286 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1555, Sa 29, III. Teil, 12996/1920, Invalidenkanzlei an StAfsV v.
27.4.1920.
287 Nachrufe in Der Invalide, Nr. 10 v. 25.5.1921, S. 2f ; Der Invalide, Vertrauliches Beiblatt nur für Funk-
tionäre, Nr. 5/6 v. Mai/Juni 1921, S. 1.
288 Wien VIII, Hernalser Gürtel 12. Bis zur definitiven Etablierung an dieser Adresse amtierte der Verein
kurz in den nahe gelegenen Räumen der Genossenschafts-Buchdruckerei in Wien VIII, Hernalser
Gürtel 20 ; Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1919, S. 1.
289 Kainradl, Wie wir die Ortsgruppe Wien gründeten, S. 14.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918