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311Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
verzweifelten, hilfesuchenden Masse von Kriegsbeschädigten belagert […], die die
verschiedensten Wünsche hatten, deren Erfüllung keinen Aufschub duldeten. Viele
kamen nach vierjähriger Kriegsdienstleistung nach Hause, hatten weder Wohnung noch
Arbeit oder Kleider, nur die bloße Uniform, die ihnen buchstäblich vom Leibe fiel.“290
Erst im Mai 1919 konnte der Zentralverband schließlich übersiedeln,291 doch nicht
an die eigentlich erhoffte repräsentative Adresse. Über Vermittlung des Staatsamtes
für soziale Verwaltung hatte er nämlich zunächst unter vier Wiener Palais ein neues
Domizil wählen dürfen und sich für das beste – das zentral, gleich hinter der Wiener
Oper gelegene Palais des ehemaligen Erzherzogs Friedrich292 – entschieden. Im letz-
ten Augenblick hatte sich diese Variante jedoch zerschlagen, sodass ein Provisorium
gefunden werden musste. Dem Zentralverband wurden daraufhin Räume im Haus
Wien I, Landskrongasse 1, zugewiesen. Der Großindustrielle Schoeller, dem diese
Liegenschaft gehörte, verzichtete auf die Miete, und stellte dem Verband – ebenfalls
unentgeltlich – Mobiliar, Zentralheizung, Beleuchtung und Aufzug zur Verfügung.293
Nach einem Jahr musste der Zentralverband dieses Quartier wieder räumen. Diesmal
forderte er eine Unterbringung in der Hofburg, „von wo das Verderben seinen Ausgang
genommen hat“, und drohte „im Wege einer entsprechenden Demonstration sich die
gewünschte Unterbringung zu erzwingen“.294 Da aber zu diesem Zeitpunkt über die
genaue Verwendung der ehemals kaiserlichen Güter immer noch Verwirrung herrschte,
akzeptierte der Zentralverband schließlich die ehemalige Leibgarde-Eskadron- oder
Lerchenfelder Kaserne hinter dem Justizpalast als neues Quartier.295 Sie war schon
im Herbst 1919 zwecks Weiterverwendung kommissionell besichtigt worden296 und
290 Johann Schnürmacher, Einiges aus den Gründungstagen des Zentralverbandes, in : Der Invalide, Nr. 11
v. November 1928, S. 20f, hier S. 20.
291 Das Divisionsgerichtsgebäude war bis zum 6.5.1919 Adresse des Zentralverbandes ; Der Invalide, Nr.
10 v. 15.5.1919, S. 1.
292 Das „Palais Erzherzog Albrecht“, ab 1921 „Albertina“.
293 „Im neuen Heim“, in : Nachrichten Zentralverband, Nr. 7/8 v. 1.12.1920, S. 1–3, hier S. 2. Eigentüme-
rin im Jahr 1927 war die Firma Schoeller & Co, ein Großhandelshaus, aus dem später die Schoeller-
bank hervorging ; BezG Innere Stadt Wien, Grundbuch, KG Innere Stadt, EZ 1707.
294 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1374, 16349/1920, Oberster Verwalter des Hofärars v. 6.5.1920 ;
„Drohung mit der Besetzung der Hofburg, um sich Büroräume zu verschaffen“ ; AT-OeStA/AdR BKA
BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2648 (Zentralverband der Landesorganisationen der Kriegsinvaliden
und Kriegershinterbliebenen Österreichs), Aktenübersicht.
295 Wien VII, Lerchenfelderstraße 1. Die Übersiedlung erfolgte am 15.7.1920 ; „Zur Beachtung !“, in :
Nachrichten Zentralverband, Nr. 5/6 v. 15.7.1920, S. 1.
296 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1556, Sa 35. Damals hatte auch die Frauenrechtlerin Eugenie
Schwarzwald (für den Verein zur Errichtung und Erhaltung von Gemeinschaftsküchen in Wien) Inte-
resse an Räumen in der Kaserne angemeldet, weil diese über eine gut ausgestattete Großküche verfügte ;
ebd.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918