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313Konsolidierung
des Zentralverbandes : 1920
ausschließlich monarchistische Tendenzen,303 und da diente nun die ehemals selbst
angestrebte Adresse als willkommene Gelegenheit für diverse Polemiken und Anspie-
lungen.304
9.3 Konsolidierung des Zentralverbandes : 1920
Für die Zeit von Ende 1918 bis Anfang 1920 lässt sich der Begriff „Invalidenbewe-
gung“ für die Aktivitäten der Kriegsbeschädigten zu Recht verwenden. Die Ausei-
nandersetzungen mit den staatlichen Stellen, aber auch die internen Kontroversen
wurden leidenschaftlich und mit jeweils nicht vorhersehbarem Ergebnis ausgetragen,
Protestformen wurden erprobt und Vereine gegründet. Die folgenden Jahre brachten
die Bewegung in ein ruhigeres Fahrwasser. Zu beobachten war eine zunehmende Pro-
fessionalisierung bei gleichzeitig scharfer politischer Polarisierung in ein linkes und
ein rechtes Lager, wobei das linke unter den Kriegsbeschädigten stets überwog. Der
Zentralverband stand dabei im Zentrum.
Die vereinsinternen Konflikte des Zentralverbandes waren mit der im Frühjahr 1920
in Wien ausgehandelten Einigung,305 die der Zersplitterung der Invalidenbewegung
ein Ende bereitete, nicht mit einem Schlag beseitigt,306 doch war die Lösung der Kon-
troversen in Wien die Voraussetzung dafür, dass der Zentralverband in der Folge seine
Position österreichweit festigen konnte. Zunächst waren freilich die Ansichten der
verschiedenen Invalidenvertreter noch zu unterschiedlich, die Eigeninteressen man-
cher Funktionäre zu groß, die Anliegen der ländlichen und der städtischen Kriegsbe-
schädigten zu divergent und die allgemeine Stimmung zu aufgebracht, als dass eine
konfliktfreie Entwicklung möglich gewesen wäre. Die Diskussionen innerhalb des
Verbandes waren heftig und kreisten monatelang um die beiden Schlagworte „Födera-
lismus“ und „Zentralismus“. Nach dem „ersten Sturmjahre der Invalidenbewegung“307
war die Beantwortung der Frage nach dem besten Organisations- und Leitungsprinzip
noch ausständig.
IV befunden ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2864 (Reichsbund der Kriegs-
opfer Österreichs), Aktenübersicht.
303 „Der Drexel-Verband – ein monarchistischer Verein“, in : Der Invalide, Nr. 10 v. 31.10.1926, S. 6.
304 Vgl. etwa „Neues aus der Hofburg“, in : Der Invalide, Nr. 12 v. 31.12.1925, S.
6 ; „Bruderzwist im Hause
Drexl“, in : ebd., Nr. 1 v. 31.1.1926, S. 8.
305 Vgl. Kapitel 9.1.
306 Z. B. „An unsere Mitglieder !“, „Organisatorisches. Landesverband Wien“ [Delegiertensitzung v.
17.6.1920], beides in : Der Invalide, Nr. 13 v. 1.7.1920. S. 1 und S. 2.
307 Karl Egkher, Zweck und Ziel, in : Der Invalide, Nr. 2 v. 15.1.1920, S. 1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918