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320 Die Invalidenbewegung
sche Positionen innehatte
– seit 1930 etwa ein Bundesratsmandat im österreichischen
Parlament,343 seit 1932 die Präsidentschaft der internationalen Kriegsopferorganisa-
tion CIAMAC344 – brachte es auf den Punkt :
„Eine einheitliche politische Kriegsopferorganisation wäre […] in Österreich unmöglich.
[…] Bei einem Aufgeben der parteipolitischen Neutralität unserer Kriegsopferorganisation
wären die Verbände Wiens und Niederösterreichs, Kärntens und vielleicht auch Steiermarks
möglicherweise sozialistisch, die Organisationen Tirols wieder eher christlichsozial usw.
Eine Verbindung untereinander wäre ausgeschlossen“.345
Die bemüht unpolitische Haltung wurde vom Zentralverband tatsächlich relativ glaub-
haft vertreten,346 auch wenn in seiner Zeitung ein sozialdemokratischer Grundton
herrschte.347 Dass der Zentralverband seine überparteiliche Ausrichtung besonders ab
Ende 1920 verstärkt betonte, hing auch mit den veränderten politischen Rahmenbe-
dingungen zusammen. Seit den Nationalratswahlen vom Oktober 1920, als die Christ-
lichsozialen stimmenstärkste Partei geworden waren, leiteten christlichsoziale Minis-
ter das Sozialressort. Nach Josef Resch, der Ferdinand Hanusch im November 1920
nachgefolgt war, bekleideten Franz Pauer von Mitte 1921 bis Mai 1922 und nach ihm
Richard Schmitz das Amt des Sozialministers. In rascher Folge wechselten einander
dann mehrere Männer in dieser Position ab, wobei Josef Resch insgesamt fünfmal und
zusammen mehr als neun Jahre für die Sozialagenden verantwortlich zeichnete. Der
Zentralverband hatte also Ende 1920 auf Regierungsseite seinen – ihm politisch nahe
stehenden und immer wohlwollenden – Verhandlungspartner verloren und musste
fürchten, als eindeutig sozialdemokratisch agierender Verein auf wenig Gesprächsbe-
reitschaft im Ministerium zu stoßen.
343 „Kamerad Brandeisz : Bundesrat !“, in : Der Invalide, Nr. 12 v. Dezember 1930, S. 4.
344 Der Invalide, Nr. 9 v. September 1932, S. 1. CIAMAC : „Conférence internationale des associations de
victimes de la guerre (mutilés, veuves, orphelins et ascendants) et anciens combattants“ (Internationale
Arbeitsgemeinschaft der Verbände der Kriegsopfer [Beschädigte, Witwen, Waisen und Eltern] und
früheren Kriegsteilnehmer).
345 Maximilian Brandeisz, Parteipolitisch oder parteilos, in : Der Invalide, Nr. 23 v. 10.12.1921, S. 1.
346 Der christlichsoziale Reichsbund sah das natürlich anders, er berichtete in seiner Zeitung regelmäßig
über die politischen Verstrickungen der Funktionäre des Zentralverbandes ; z. B. „Politisch oder unpo-
litisch“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 9 v. September 1927, S. 3 ; „So etwas nennt sich unpolitisch“,
in : ebd., Nr. 3 v. März 1928, S. 7.
347 Z. B. Der Invalide, Nr. 12 v. 15.6.1919, S. 3. 1919 ist auch eine Nähe zu den Soldatenräten und der
Volkswehr unübersehbar.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918