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324 Die Praxis des Invalidenentschädigungsgesetzes
ation des jungen Staates begründet und mussten daher – so die Argumentation des
Zentralverbandes – zumindest vorläufig akzeptiert werden. Der Hinweis darauf, dass
erreicht wurde, was unter den herrschenden Bedingungen zu erreichen war, enthält
zweierlei : Lob für jene, die am „großen Stück Arbeit“ mitbeteiligt waren (die Funk-
tionäre des Zentralverbandes), und Entschuldigung bei jenen, die mehr erhofft hatten
(viele Mitglieder des Zentralverbandes).
Darüber, warum die Zeitung bei der Darstellung des Beitrags der eigenen Funkti-
onäre am Zustandekommen des Gesetzes so wenig konkrete Worte verliert, kann nur
gemutmaßt werden. Zum einen dürfte diese Zurückhaltung daraus resultieren, dass
der Zentralverband just zu der Zeit, als das Gesetz von der Regierung im Parlament
eingebracht und dann im Sozialausschuss der konstituierenden Nationalversammlung
verhandelt wurde, im Laufe des April 1919 also, mitten in einer internen Auseinan-
dersetzung steckte, die ihn tatsächlich in seiner Existenz bedrohte,3 zum anderen
kann man sich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verbandsfunktionäre
selbst kein allzu großes Interesse daran hatten, ihre Mitwirkung an der endgültigen
Formulierung des IEG hervorzustreichen. Sie immunisierten sich auf diese Weise
von vornherein gegen allfällige Kritik an dem Gesetz. Und dass es aus den Reihen
der Kriegsbeschädigten Kritik am IEG gegeben haben muss und dies einen gewissen
Rechtfertigungsdruck bei den Funktionären erzeugte, beweist ein anderer Artikel im
Invaliden vom August 1919.
„Vielfach müssen wir bemerken, daß das Gesetz, das natürlich bei weitem nicht unseren Wün-
schen entspricht, zu Agitationszwecken gegen den Zentralverband benützt wird, als dürfte
der Zentralverband die Ursache der finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des
Staates sein, welche doch ausschlaggebend beim Werden des Gesetzes zur Geltung kamen.
Es wird nun von einer bestimmten Seite eine Propaganda betrieben, um die Durchfüh-
rung des Gesetzes zu verhindern. Wenn dies nicht gelingt, dann versucht man mit den ver-
schiedensten Mitteln, die Durchführungsarbeiten zu stören, ohne daß sie dabei bedenken,
daß sie den Invaliden schweren Schaden zufügen.“4
Dass die „bestimmte Seite“, die gegen das Gesetz Propaganda betrieb, die kommunis-
tische war, ist dem Artikel selbst nicht zu entnehmen, doch man kann es aus anderen
Zusammenhängen schließen.5 Der Zentralverband kam – wollte er seinen Widersa-
3 Vgl. dazu Kapitel 9.1.
4 „Unser neues Gesetz“, in : Der Invalide, Nr. 15 v. 1.8.1919, S. 2.
5 Z. B. Karl Grundei, Meine Urlaubsreise, in : Der Invalide, Nr. 16 v. 15.8.1919, S. 5–7, hier S. 7. Zu den
gerade im April 1919 akuten kommunistischen Umsturzversuchen siehe Hans Hautmann, Die Anfänge
der linksradikalen Bewegung und der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs 1916–1919 (= Ver-
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918