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356 Die Praxis des Invalidenentschädigungsgesetzes
Und das gelang zweifellos, denn es war – wie Rupert Kainradl in seinem Artikel
zugeben musste – „kaum zu erwarten, daß der Nationalrat noch in der Sommerses-
sion ein kaum beschlossenes Gesetz wieder abändern werde“. Die Demonstration
war also obsolet geworden ; der Verband musste eingestehen, dass von ihr unter den
gegebenen Umständen „nicht der geringste Erfolg zu erwarten war“. Trotzdem fan-
den sich am 11. Juli 1922 etwa 10.000 Mitglieder des Zentralverbandes im Hof der
damaligen Verbandszentrale – der einstigen Gardekaserne in Wien VII, Lerchen-
felderstraße 1 – ein und marschierten gegen den erklärten Wunsch der Verbandslei-
tung – „[u]nsere Bemühungen waren aber vergeblich“ – zum Parlament. Glaubt man
der Schilderung der Ereignisse dieses Tages im Invaliden, erreichte die Stimmung
unter den Demonstranten schnell den Siedepunkt, was dazu führte, dass sich ihr Zorn
auch gegen die eigenen Funktionäre richtete. Doch schließlich dürfte es diesen ge-
lungen sein, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Der Ton des Berichtes über den
Verlauf der Demonstration enthüllt sehr deutlich, dass zwischen den Funktionären
und den „einfachen“ Verbandsmitgliedern zu diesem Zeitpunkt bereits eine schwer
überbrückbare Distanz bestand. Der Informationsvorsprung, über den die Funkti-
onäre aufgrund ihrer intensiven Verhandlungstätigkeit zwangsläufig verfügten, ließ
sie das Vorgehen aufgebrachter Betroffener ganz offensichtlich als planlos und sogar
kontraproduktiv wahrnehmen.115
In gewisser Weise manifestierte sich diese Kluft zwischen der Leitung und den
Mitgliedern auch im wiederholten Hinweis auf unabänderliche Sachzwänge, die letzt-
lich der 7. Novelle so wie allen früheren Änderungen des IEG ihren Stempel aufge-
drückt hätten. Neuerlich und besonders offenkundig machten die Entscheidungsträ-
ger des Zentralverbandes sich damit zum Puffer zwischen dem Staat und der Masse der
Kriegsbeschädigten. Wie keine Novelle zuvor, ging die 7. Novelle an die Substanz des
Versorgungssystems, wie es das IEG 1919 geschaffen hatte, und hätte damit beträchtli-
ches Potenzial zur Mobilisierung der Kriegsbeschädigten enthalten. Positiv formuliert,
trug der Zentralverband mit seinem Vorgehen in dieser angespannten Situation sicher
zur Befriedung bei ; negativ formuliert, könnte man der Leitung des Zentralverban-
des aber auch unterstellen, durch ihre Nähe zur Regierung die Mitglieder verraten
zu haben. Exemplarisch zeigt sich die Vermittlerposition jedenfalls in einem anderen
Abschnitt des Artikels von Rupert Kainradl, wo dieser – durchaus mit belehrendem
Unterton – um Verständnis für die budgetären Sachzwänge warb :
115 In dem Bericht wird an mehreren Stellen bedauernd hervorgehoben, wie undiszipliniert die Demons-
tranten sich verhalten hätten und wie wenig Verständnis sie für die eigentlichen Probleme der Kriegs-
beschädigtenversorgung aufbringen würden.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918