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11 Staatliche Fürsorge jenseits des
Invalidenentschädigungsgesetzes
11.1 Die Fonds der karitativen Kriegsbeschädigtenfürsorge
Die Kriegsopferversorgung erschöpfte sich nicht in den durch das Invalidenentschädi-
gungsgesetz zur Verfügung gestellten Renten. Zahlreiche zusätzliche Unterstützungs-
formen rundeten die Grundabsicherung durch das IEG ab. Ohne dass auf sie ein An-
spruch bestanden hätte, bürgerten sich Maßnahmen wie Nahrungsmittelverteilungen,
Ausspeisungen, Weihnachts- und Feriensubventionen, Kinderaktionen oder Anschub-
hilfen für die Erlangung beruflicher Selbstständigkeit als nicht mehr wegzudenkende
Ergänzungen zu den ihren Wert ohnehin immer stärker einbüßenden Renten ein. Alle
diese Maßnahmen erforderten freilich finanzielle Mittel.
Sowohl die Kriegsbeschädigtenvereine als auch die staatlichen Organe hatten größ-
tes Interesse, die für die Finanzierung dieser Teilbereiche der Kriegsopferversorgung
nötigen, aus dem laufenden Budget aber nicht zu lukrierenden Geldmittel aufzutrei-
ben. Beide Akteure entwickelten bei diesen Versuchen ein erhebliches Maß an Kreati-
vität und fanden immer neue Quellen, die zur Aufbesserung des Budgets der Kriegs-
opferversorgung angezapft oder auf andere Weise für die Verbesserung der Lage der
Kriegsbeschädigten herangezogen werden konnten.
Naheliegenderweise waren es zunächst zwei Bereiche, deren Nutzbarmachung für
Zwecke der Kriegsbeschädigtenversorgung ins Auge gefasst wurden : Einerseits schien
insbesondere den Vertretern der Kriegsbeschädigten alles, was irgendwie mit dem ver-
gangenen Krieg bzw. dem ehemaligen Herrscherhaus in Verbindung gebracht werden
konnte und vermeintlich einen Wert darstellte, geeignet, geradezu zwangsläufig der
Kriegsopferversorgung zuzufallen. Das betraf den Bereich der sogenannten Sachdemo-
bilisierung, also die Verwertung der Kriegsgüter, aber vor allem das Vermögen des Hau-
ses Habsburg. Hier wurde die Haltung auch von rechtlicher Seite her unterstützt, sah
doch das Habsburgergesetz tatsächlich eine entsprechende Zweckwidmung des Vermö-
gens der ehemaligen Herrscherfamilie vor.1 Für diese Forderungen, die überdies Berei-
che betrafen, auf die der Staat unmittelbaren Einfluss nehmen konnte, hatte insbeson-
dere das sozialdemokratisch geführte Staatsamt für soziale Verwaltung ein offenes Ohr.
1 Vgl. dazu detailliert Kapitel 9.2.2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918