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385Vereinssubventionierung
: eine „Kollektivfürsorge“
so weisen die vielen Berichte über Unmutsäußerungen von Gaststättenbesuchern auch
im Invaliden doch darauf hin, dass die Spielabgabe tatsächlich eher kontraproduktiv
wirkte. Sie spülte nur einen Bruchteil der anfangs erhofften Geldmittel in die Kassen
des Kriegsopferfonds, drohte dabei aber, das ohnehin sinkende Wohlwollen der Öf-
fentlichkeit gegenüber Kriegsbeschädigten weiter zu schmälern. So gesehen, lag die
Zeitschrift Soziale Praxis und Archiv für Volkswohlfahrt mit ihrer Prophezeiung, wo-
nach wohl nicht damit zu rechnen sei, dass die Abgabe ein finanzieller Erfolg werde,
durchaus richtig ; doch ihre Befürchtung, durch die Zweckwidmung der Erträge aus
der Spielabgabe für die Kriegsbeschädigtenfürsorge könne „dem Spiel der Anschein
eines wohltätigen Unternehmens verliehen“ werden, erfüllte sich nicht, denn wo es
ging, entzogen sich die Spieler offenbar der Abgabepflicht. Sie frönten dem Spiel so
oder so – lieber jedoch ohne zusätzliche Kosten.
11.4 Vereinssubventionierung : eine „Kollektivfürsorge“
Der langjährige Gesetzesreferent des Zentralverbandes, Rupert Kainradl, erinnerte sich
zehn Jahre nach der Vereinsgründung an einen Funktionär, der im November 1918 „in
schmetternden Ausführungen erklärt [hatt]e, der Verband brauche überhaupt keine
Mitgliedsbeiträge einzuheben, die Regierung habe sämtliche Auslagen des Vereines zu
tragen, habe ein Lokal beizustellen und die Vereinsfunktionäre und Hilfskräfte als An-
gestellte des Staates zu betrachten“.68 Tatsächlich waren in der Frühzeit des Zentralver-
bandes Mitgliedsbeiträge tabu. Das damalige Leitungsgremium vertrat den Standpunkt,
dass die Organisation zur Gänze vom Staat erhalten werden müsse, und konsequenter-
weise enthielt schon der erste Forderungskatalog an die Regierung auch die Forderung,
dass der Zentralverband mit insgesamt Kr 50.000 pro Jahr subventioniert werden solle.69
Dass diese Forderung staatlicherseits uneingeschränkt erfüllt wurde – und zwar nur
wenige Wochen später70 –, zeugt nicht nur von der Machtposition des Kriegsbeschä-
digtenvereins, sondern auch davon, dass hier ein neues Verhältnis zwischen Interessen-
68 Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden. Of-
fizielles Organ des Landesverbandes Niederösterreich der Kriegsinvaliden und Kriegershinterbliebenen,
Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1928, S. 1–8, hier S. 3f. Vgl. auch Rupert Kainradl, Wie wir die Ortsgruppe Wien
gründeten. Aus alten Protokollen, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S. 14 und 16, hier S. 16.
69 „Denkschrift der Forderungen der Kriegsbeschädigten“, in : Der Invalide, Nr. 1 v. November 1918, S. 3f,
hier S. 4. Vgl. auch Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in :
Neues Werden. Offizielles Organ des Landesverbandes Niederösterreich der Kriegsinvaliden und Krie-
gershinterbliebenen, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1928, S. 1–8, hier S. 5.
70 Vgl. Kapitel 11.2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918