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13 Von der Offensive in die Defensive –
Der Zentralverband 1923 – 1938
13.1 Entwicklung bis 1934
13.1.1 Das Wendejahr 1923
Die vorangegangenen Kapitel legten das Hauptaugenmerk auf die ersten Jahren nach
dem Krieg, in denen zweifellos die entscheidenden Maßnahmen zur Versorgung der
Kriegsbeschädigten, ihrer Angehörigen sowie der Witwen und Waisen von gefalle-
nen Soldaten getroffen wurden. In den fünf Jahren von Ende 1918 bis Ende 1923
erfolgte die grundlegende gesetzliche Regelung dieses vom Krieg übernommenen
Versorgungsproblems. Ja, die allermeisten Gesetze waren nach einer nur 14 Monate
währenden Phase auf den Weg gebracht.
Wenn man die einzelnen Schritte chronologisch Revue passieren lässt, so war die
Einführung der Sachdemobilisierungsabgabe sowie des aus ihren Einnahmen gespeis-
ten Spezialfonds für Kriegsbeschädigtenfürsorge im Jänner 1919 der erste Akt, der
österreichischen Kriegsbeschädigtenfürsorge Geld zuzuführen.1 Im April desselben
Jahres folgten einerseits das Habsburgergesetz, das unter anderem festlegte, dass auch
die Erträgnisse des Vermögens der ehemaligen Herrscherfamilie den Kriegsbeschä-
digten zukommen sollten,2 und andererseits das in seiner Art europaweit erste In-
validenentschädigungsgesetz, ein von der Konzeption her modernes, differenziertes
Sozialgesetz, das nicht nur erstmals einen Rechtsanspruch der Kriegsbeschädigten auf
staatliche Unterstützung normierte und ein ausgeklügeltes Rentensystem schuf, son-
dern den Betroffenen selbst auch ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht einräumte.3
Im Mai 1919 wurde dann im Verordnungsweg festgelegt, dass Kriegsbeschädigte bei
der Vergabe von Tabaktrafiken ein Vorzugsrecht erhalten sollten und dass zu diesem
Zweck sogar in bestehende Verträge eingegriffen werden durfte.4 Der im Dezember
1919 geschaffene Kriegsgeschädigtenfonds war schließlich konkreter Ausdruck der im
1 Erlass des Staatsamtes für Kriegs- und Übergangswirtschaft v. 10.1.1919, zit. nach Staatsamt für soziale
Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1919, S. 95.
2 StGBl 1919/209, § 7.
3 StGBl 1919/245.
4 StGBl 1919/285.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918