Seite - 434 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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434 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
augenscheinlich geworden. Und es ist Zufall, aber doch auch von hoher Symbolkraft :
Im September 1923 starb mit Ferdinand Hanusch eine Galionsfigur der österreichi-
schen Sozialgesetzgebung. Als Sozialminister war Hanusch für die Durchsetzung der
Kriegsbeschädigtenversorgung bis zum Ende der Regierungsbeteiligung der Sozialde-
mokraten im Oktober 1920 maßgeblich verantwortlich gewesen.
13.1.2 Konsolidierung und Reifung – Der Wandel des Zentralverbandes
Wo stand nach all dem nun der Zentralverband ? Er hatte – wenn man die Jahres-
wende von 1922 auf 1923 in den Blick nimmt – seine bewegte Gründungsphase be-
reits hinter sich. Die Abspaltungen und internen Auseinandersetzungen der ersten
eineinhalb Jahre waren ab Mitte 1920 – nach dem entscheidenden außerordentlichen
Delegiertentag vom Mai 192019 – einer ruhigeren Verbandsentwicklung gewichen.
Freilich folgten der inneren Festigung neue Probleme auf den Fuß. Die infolge der
Genfer Sanierung erforderlichen radikalen Einsparungen komplettierten gewisser-
maßen die durch die 7. Novelle zum IEG bereits deutlich gewordenen Veränderun-
gen im Bereich der Kriegsopferversorgung – Veränderungen, die vom Zentralverband
zwar nicht ohne Widerspruch, aber letztlich doch ohnmächtig hingenommen werden
mussten.20 Intern einigermaßen konsolidiert, stand er nun mit einem Mal nicht mehr
als Forderer, sondern als Verteidiger gerade erst erworbener Rechte da. Es gab nach
wie vor Demonstrationen, Kundgebungen und Besetzungen21 und dem amtsführenden
christlichsozialen Sozialminister Richard Schmitz22 wurde vorgeworfen, grundsätz-
der Christlichsozialen Partei, 1926–1929 führte er noch ein viertes Mal als Bundeskanzler die Regie-
rung an ; http://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_01992/index.shtml (Abfrage : 10.5.2012) ; http://
www.aeiou.at/aeiou.encyclop.s/s513761.htm (Abfrage : 10.5.2012).
19 Vgl. Kapitel 9.3.1.
20 Zur Kritik an den Sparplänen der Regierung siehe [Maximilian Brandeisz], Auf der Linie des geringsten
Widerstandes. Die Pläne des Herrn Ministers Schmitz, in : Der Invalide, Nr. 8–11 v. November 1922,
S. 1 ; „Die Antwort der Kriegsopfer auf die Pläne der Regierung“, in : ebd., S. 1f.
21 Z. B. Berichte aus den Jahren 1924–1927 in Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopferverband
1917–1932, „Kriegsinvalide besetzen das Finanzministerium. Ein Verzweiflungsausbruch der Invaliden.
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Minister Kienböck muß zu einer Unterredung gezwungen werden“, in : Arbeiter-Zeitung v. 17.7.1924 ;
„Demonstrierende Invalide. Vor dem Ministerium für soziale Verwaltung“, in : Neues Wiener Abendblatt
v. 18.6.1926 ; „Arbeitslose Kriegsinvalide besetzen das Invalidenamt“, in : Arbeiter-Zeitung v. 6.10.1926 ;
„Gewalttaten von Invaliden gegen die Wache“, in : Reichspost v. 5.12.1926 ; „Die Kriegsverstümmelten
auf der Ringstraße. Die Kundgebung der Invaliden gegen die Verschlechterung des Invalidenentschädi-
gungsgesetzes“, in : Arbeiter-Zeitung v. 5.12.1926 ; „Stürmische Szenen im Rainerspital. Die Invaliden
blockieren die Direktionskanzlei“, in : Neue Freie Presse v. 19.2.1927 (Zeitungsausschnitte).
22 Richard Schmitz (*1885, †1954) war vom 31.5.1922–20.11.1924 österreichischer Sozialminister und
hatte dieses Amt 1933/1934 noch einmal für einige Monate inne, bevor er 1934 Bürgermeister von
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918