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436 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
Fürsorgeamtes, das einerseits den zu Unterstützenden gerecht werden, anderseits sich
selbst die Mittel zu seinem Bestand beschaffen mußte.“27
Gerade Letzteres erwies sich als gar nicht so leicht. Der Zentralverband machte zu-
nächst seine eigene Stabilisierungskrise durch. Ende 1922 kämpfte er nicht nur gegen
die harten Einschnitte in das Versorgungssystem für Kriegsbeschädigte und Kriegs-
hinterbliebene, sondern rang selbst mit massiven budgetären Problemen und stand fi-
nanziell praktisch vor dem Aus. Bis dahin hatte er sich aus staatlichen Subventionen,
Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert, doch nun fehlte das Geld an allen Ecken
und Enden. Die Mitarbeiterzahl im Wiener Büro musste im zweiten Halbjahr 1922
auf sieben halbiert, Möbel mussten verkauft und Anschaffungen hintangestellt werden.
Briefe ins Ausland wurden zum Finanzproblem, da Übersetzungs- und Portokosten
nicht mehr bezahlt werden konnten ; die Zeitungen erschienen nur mehr ganz un-
regelmäßig : Der bis Ende 1921 noch alle zwei Wochen herauskommende, ab Mitte
1922 allerdings bereits stockend ausgelieferte Invalide brachte es auf gerade einmal fünf
Nummern in den Jahren 1923 und 1924. An die Einrichtung neuer Referate (Witwen,
Siedlungswesen) war gar nicht zu denken. Das Defizit des Vereins erreichte astrono-
mische Höhen und vervielfachte sich Monat für Monat. Im November 1922 wurde ein
Hilfsfonds eingerichtet und in den Nachrichten ein dramatischer Appell zur Rettung
des Zentralverbandes veröffentlicht.28 Erst 1925 war der Verband wieder konsolidiert.
Das eigentlich Bemerkenswerte aber war der Wandel, den der Verein in diesen
ersten Jahren seines Bestehens durchmachte – der Wandel von einer durchaus im-
mer wieder energisch agierenden Organisation zur angepassten Interessenvertretung.
Diese Veränderung wurde auch intern artikuliert und da gerne unter dem Schlagwort
der Reifung abgehandelt. Ein Beispiel mag das demonstrieren : Knapp acht Jahre nach
Kriegsende verklärte eine Textpassage in der Vereinspresse die Anfangsjahre, in de-
nen dem Zentralverband noch ein sozialdemokratischer Minister gegenübergestanden
war – ein Minister,
„der unser bester Freund war, der uns alles das gab, um dessen Erhaltung wir heute ringen müssen :
Unser Hanusch, der schlichte Sekretär des Staates Republik Oesterreich für soziale Arbeit. […]
wahrlich, unter keinem Minister später haben wir Kriegsopfer so radikal uns benommen, keinem
haben wir mehr Schwierigkeiten gemacht als dem, der unser Freund war. Heute sind wir ruhiger
geworden, gesammelter, zielbewußter vielleicht, wir haben einen Schmitz ertragen müssen.“29
27 „Unsere Organisation und ihre Aufgaben“, in : Nachrichten Zentralverband, Nr. 5 v. 20.7.1922, S. 10.
28 Johann Schnürmacher/Rupert Kainradl, Helfet dem Zentralverband !, in : Nachrichten Zentralverband,
Nr. 7/8 v. 15.11.1922, S. 1f.
29 „Der Reichsdelegiertentag“, in : Der Invalide, Nr. 2 v. 28.2.1926, S. 6f, hier S. 6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918