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437Entwicklung
bis 1934
Mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Genese des eigenen Vereins
– Rückblicke
dieser Art gibt es viele – verstanden es die Funktionäre seit der Mitte der 1920er-
Jahre, den Verband als „gereifte“ Organisation zu präsentieren, die ihren stürmischen
Jugendjahren entwachsen war. Dass der ehemalige Sozialminister dabei zur Vaterfi-
gur mutierte, dem der Zentralverband anfangs mit jugendlicher Renitenz begegnet
war, zeigt deutlich, auf welche Art der Verein seinen Platz im Staat zunächst gesucht
und dann auch gefunden hatte : Eine sich benachteiligt und zu Forderungen berech-
tigt fühlende Gruppe war seine Klientel, die Ministerialbürokratie sein Gegenüber.
Er selbst wurde zum pragmatischen Vermittler in diesem Spannungsfeld : fordernd
auf der einen und kalmierend auf der anderen Seite. Dass der Zentralverband die-
sen Balanceakt meisterte, festigte seine Position. Als Vertreter seiner Klientel war er
Fürsprecher einer paradoxerweise mächtigen und zugleich schwachen Gruppe,30 denn
die – keineswegs ausschließlich materielle – Bedürftigkeit jener, die er vertrat, musste
notwendigerweise zentrales Argument seiner Politik bleiben, auch als er seine „ra-
dikale“ Phase bereits hinter sich gelassen hatte und „ruhiger“ – oder um im Bild zu
bleiben : „erwachsener“ – geworden war.
13.1.3 Abgrenzung vom christlichsozialen Verein
Die politische Landschaft hatte sich in den 1920er-Jahren verändert und so kam es
nicht von ungefähr, dass neben dem Zentralverband nach und nach auch ein christ-
lichsozialer Kriegsbeschädigtenverein heranwuchs ; der Zentralverband blieb zwar
mächtigster Verein in diesem Feld, doch spätestens 1922/1923 hatte er seinen alleini-
gen Vertretungsanspruch verloren. Der christlichsoziale Verein, der sich Anfang 1921
–
alle Vertretenen noch taxativ aufzählend
– als Reichsverband christlicher Kriegsinvalider,
Kriegerwitwen, -waisen und Heimkehrer Österreichs bezeichnet hatte, nannte sich 1924
kurz und bündig in Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs31 um und machte damit auch
begrifflich jenen Wandel deutlich, der symptomatisch war für die sich verändernde
Position der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen in der österreichischen
Nachkriegsgeschichte, die allmählich im flexiblen, und auf den Opferbegriff rekurrie-
renden Terminus der Kriegsopfer verschmolzen.32
30 Siehe dazu auch Hsia, Ke-chin, A Partnership of the Weak : War Victims and the State in the Early
First Austrian Republic, in : Contemporary Austrian Studies, 19 (2010) : From Empire to Republic :
Post-World War I Austria, S. 192–221.
31 Zur Abfolge der Organisationsnamen vgl. Tabelle 1 im Anhang.
32 Vgl. dazu ausführlich Kapitel 1.2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918