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438 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
13.1.3.1 Karl Drexel versus Maximilian Brandeisz
Bis Ende 1921 hatte der Zentralverband den kleinen christlichsozialen Kriegsbeschä-
digtenverein unter der Führung von Major Theodor Pohanka33 de facto noch ignorie-
ren können. Das änderte sich jedoch, als im Sommer dieses Jahres mit der Schaffung34
des Reichsverbandes auf christlichsozialer Seite ein umfassenderer Vertretungsanspruch
formuliert wurde und sich außerdem mit Karl Drexel, einem Geistlichen, ein neuer
Mann an die Spitze der christlichsozialen Invalidenbewegung stellte.35 Der Vorarlber-
ger Karl Drexel war von Beruf Religionsprofessor und später Oberrat im Bundesamt
für Statistik. Vor dem Ersten Weltkrieg war er nicht nur in der Vorarlberger Landes-
politik, sondern zwischen 1907 und 1911 auch als Reichsratsabgeordneter tätig gewe-
sen. Die Jahre 1914 bis 1920 verbrachte der Feldkurat des 2. Tiroler Kaiserjägerregi-
ments in russischer Kriegsgefangenschaft, was ihm den Beinamen „Engel Sibiriens“
einbrachte.36 Seit Ende 1920 war Drexel für die Christlichsoziale Partei Mitglied des
Bundesrates und von 1923 bis 1931 Abgeordneter zum Nationalrat.37
Der eben erst heimgekehrte Prälat hatte offenbar auch unter sozialdemokratischen
Kriegsbeschädigten genügend Ansehen, um den Reichsverband zu einer ernst zu neh-
menden Konkurrenz für den Zentralverband zu machen. Der anfängliche Versuch des
Zentralverbandes, christlichsoziale Parteigänger zu vereinnahmen („Im Zentralverband
ist Platz für alle, auch für die christlich Denkenden“38) und den positiv konnotierten
Drexel vom Reichsverband zu isolieren („Wußte Hochwürden Drexel nicht, in welche
33 Zu diesem, seinen Namen häufig ändernden Verein vgl. Kapitel 9.1.1.
34 Eigentlich war es eine Umbenennung.
35 Leopold Rethaller, Der christlich-soziale Invalidenverein, in : Der Invalide, Nr. 22 v. 25.11.1921, S. 2f.
Drexel wurde am 25.9.1921 zum Obmann gewählt ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB,
VIII 2864 (Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs), RVerb an PDion v. 11.10.1921. Nach seiner Be-
rufung zum Leiter des Bundesamtes für Statistik legte Drexel sein Mandat als Nationalratsabgeordne-
ter nieder, was der Reichsbund ausdrücklich bedauerte ; „Unser Dr. Drexel – Leiter des Bundesamtes
für Statistik“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 10 v. Oktober 1931, S. 1f ; „Der Mandatsverzicht Dr.
Drexels“, in : ebd., Nr. 11 v. November 1931, S. 2.
36 Drexels Erinnerungen an die Zeit in Sibirien wurden im Radio ausgestrahlt, in der Zeitung des Reichs-
bundes veröffentlicht und auch in Buchform mehrfach aufgelegt ; Carl Drexel, Der Tod in Sibirien.
Vortrag im Wiener Radio am 2. November 1932, o. O. [Wien] o. J. [1932] ; Carl Drexel, Feldkurat in
Sibirien 1914–1920, Innsbruck 31949.
37 Siehe zu DDr. Karl Drexel (*1872, †1954) http://www.parlinkom.gv.at/WW/DE/PAD_00239/pad_
00239.shtml (Abfrage : 24.4.2012) ; http://www.austria-lexikon.at/af/AEIOU/Drexel,_Karl (Abfrage :
15.5.2012) ; Hermann Deuring, Prälat Dr. Karl Drexel, Dornbirn 1956.
38 Leopold Rethaller, Der christlich-soziale Invalidenverein, in : Der Invalide, Nr. 22 v. 25.11.1921, S. 2f,
hier S. 2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918