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bis 1934
und eine gewisse „Regierungsfrommheit“74 an den Tag lege. Dieser Vorwurf galt im
Besonderen Karl Drexel selbst, der nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangen-
schaft politische Mandate im österreichischen Parlament innehatte und zugleich als
Invalidenvertreter der Christlichsozialen fungierte. Die „Zwitterstellung des Prälaten
Drexel zwischen Regierungs- und Invalidenvertreter“75 führte nach Ansicht des Zen-
tralverbandes dazu, dass Drexel die Interessen der Kriegsbeschädigten im Parlament
nicht ausreichend vertrat.76 Dass freilich ein Abgeordneter per se kein Vertreter der
Regierung war, blieb unerwähnt, und als sieben Jahre später mit Maximilian Brandeisz
ein Mann des Zentralverbandes zum Bundesrat avancierte, war diese Argumentation
vergessen und der Invalide voll des Stolzes.77
Glaubt man den hämischen Berichten in der Presse des Zentralverbandes, so zeigten
die Kriegsbeschädigten gegenüber dem Reichsbund ohnehin nur geringes Interesse, so-
dass dessen Veranstaltungen trotz ihrer pompösen Aufmachung schlecht besucht blie-
ben.78 Hier war wohl viel Wunschdenken mit im Spiel, denn anders ließe sich nicht
erklären, warum die Rivalität zwischen den Verbänden vor den Lesern dennoch derart
beharrlich ausgebreitet wurde. Besonders umkämpft war die Vorherrschaft unter den
Invaliden im Rainerspital79 und in der sogenannten Kopfschussstation80 – an diesen
Orten agitierten die Verbände überaus intensiv.
74 „Rückschau und Ausblick“, in : ebd., Nr. 1 v. Jänner 1928, S. 1.
75 „Eine gut informierte Berichterstattung“, in : ebd., Nr. 1 v. 31.1.1925, S. 5.
76 „Aus dem Parlament“, in : ebd., Nr. 4 v. 30.4.1925, S. 3f ; „Die IX. Novelle im Nationalrat beschlossen.
[…] Der Präsident des ‚Reichsbundes‘ Abgeordneter Dr. Drexel stimmt im Parlament gegen die Ren-
tenerhöhung“, in : ebd., Nr. 2 v. 28.2.1927, S. 1f ; „Und wo waren die Abgeordneten und Prälaten Dr.
Drexel und Gangl“, in : ebd., Nr. 12 v. Dezember 1928, S. 7f ; „Die unermüdliche Stimme“, in : ebd., Nr.
2 v. Februar 1929, S. 1f.
77 „Kamerad Brandeisz : Bundesrat !“, in : Der Invalide, Nr. 12 v. Dezember 1930, S. 4.
78 „Der Drexelverband auf dem Kriegspfad“, in : Der Invalide, Nr. 3 v. 31.3.1926, S. 4 ; „Eine Veteranenta-
gung. Faschingsscherze des Drexelverbandes“, in : ebd., Nr. 9 v. 30.9.1926, S.
3f ; „Der christliche ‚Reichs-
delegiertentag‘ – gänzlich misslungen“, in : ebd., Nr. 7/8 v. Juli/August 1928, S. 12f.
79 „Im Schmuck der fremden Federn“, in : ebd., Nr. 8 v. 31.8.1925, S. 4 ; „Beim Betrug erwischt. Der
‚Reichsbund der christlichen Invaliden‘ hintergeht die Behörde, täuscht die Oeffentlichkeit und betrügt
die Invaliden“, in : ebd., Nr. 11 v. November/Dezember 1926, S.
5f ; „Beim Betrug erwischt“, in : ebd., Nr.
12 v. 31.12.1926, S.
9f ; „Tätigkeitsbericht der Invalidenvertretung und Sektion des Verbandes im Rainer-
spital“, in : ebd., Nr. 1 v. 31.1.1927, S. 8 ; vgl. auch Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopfer-
verband 1917–1932, „Was geht im Rainerspital vor ?“, in : Reichspost v. 12.3.1926 (Zeitungsausschnitt).
80 „Die kommunistische Partei wirbt um die Gunst der Kriegsopfer“, in : Der Invalide, Nr. 3 v. März 1928,
S. 6 ; „Die Kopfschußstation“, in : ebd., Nr. 4 v. 31.4.1926, S. 3 ; zur Kopfschussstation vgl. FN 86 in
Kapitel 11.4.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918