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444 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
13.1.3.2 Appell an Mildtätigkeit versus Kampf um Rechte
Wenngleich die beiden Kriegsbeschädigtenvereine in vielen Bereichen inhaltlich die-
selben Ziele verfolgten (Kampf gegen den § 29 des IEG, Forderung der Einführung
einer dem deutschen Vorbild entsprechenden Kriegsopferversorgung in Österreich,
Ablehnung vieler Urteile des Verwaltungsgerichtshofes), so finden sich bei einem
Blick in die Statuten und die Vereinszeitungen der beiden Verbände doch konträre
ideologische Haltungen, aus denen sich die grundsätzlich divergierenden Herange-
hensweisen an das Problem der Kriegsopferversorgung erklären lassen. Nicht ganz
zu Unrecht warf etwa der Zentralverband dem Reichsbund vor, die Kriegsbeschädigten
„vom Kampf um ihr Recht auf die öffentliche Mildtätigkeit verweisen“81 zu wollen.
Tatsächlich war das erklärte Ziel des Reichsbundes die Verbesserung des Loses vor al-
lem der Ärmsten unter den Kriegsbeschädigten „durch die kameradschaftliche Hilfe
der Kriegsopfer untereinander und durch die ehrliche Ausnützung der Wohltaten
unserer Mitmenschen“,82 was auch den Staat entlasten würde. Zu diesem Konzept
passte auch eine gewisse Infantilisierung der Kriegsopfer.83 Nicht die Durchführung
„lärmende[r] Straßendemonstrationen“, sondern „ruhige und stete Arbeit im Sinne
des christlichen Gedankens“ sollte die Arbeitsweise des christlichsozialen Verbandes
sein ; die Kriegsbeschädigtenfürsorge war für ihn „keine ‚Forderung‘, um die wie bei
einer Lohnerhöhung verhandelt oder gekämpft werden muß“, sondern „eine selbstver-
ständliche Pflicht des Staates und seiner Bevölkerung“.84 Nie hätte der Zentralverband
seinen Zweck so formuliert. Ihm ging es um die Vertretung von Gruppeninteressen,
und immer war der Staat der Adressat der oft durchaus stürmisch vorgebrachten For-
81 „Die Bedeutung der Organisation für die österreichischen Kriegsopfer“, in : ebd., Nr. 11 v. 30.11.1925,
S. 1f, hier S. 2.
82 „Der Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 1 v. Jänner 1925, S. 2f,
hier S. 2.
83 Anlässlich einer Generalversammlung des Reichsbundes kam Drexel „auf eine weitere Schwierigkeit
zu sprechen, die darin besteht, daß dem Verband so viele Schwerkranke angehören. Diese kann man
unmöglich mit normalen Menschen auf eine Stufe stellen ; vor allem ist das Arbeiten mit Kopfschüß-
lern keine Kleinigkeit. Auch sind viele durch die Kriegsjahre in ihrer bürgerlichen Entwicklung so jäh
unterbrochen worden, daß sie einer Versuchung leichter als andere unterliegen. Wenn dann Unzu-
kömmlichkeiten vorkommen, muß man hier verzeihendes Verständnis aufbringen“ ; vgl. Wienbibliothek,
Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopferverband 1917–1932, „Zehn Jahre christliche Invalidenorganisation.
Generlversammlung des Bundes Wien der Kriegsopfer“, in : Reichspost v. 1.4.1930 (Zeitungsausschnitt).
84 „Landesverband christl. Kriegsopfer Steiermarks“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 1 v. Jänner 1925,
S. 11. Der Landesverband agierte zuerst autonom, dokumentierte seine Eingliederung in den Reichs-
bund aber im Juni 1927 durch Abänderung seines Namens in Steirischer Kriegsopferverband des Reichs-
bundes der Kriegsopfer Österreichs ; „Bund Steiermark“, in : ebd., Nr.7/8 v. Juli/August 1927, S. 4–6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918