Seite - 450 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Bild der Seite - 450 -
Text der Seite - 450 -
450 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
politik zurückgestellt.“115 Schon die Spaltungsbewegungen der frühen 1920er-Jahre,
infolge derer eine unüberschaubare Zahl oft kurzlebiger Kleinstvereine entstanden
war, hatten jedoch gezeigt, dass die viel beschworene Einheit eine Illusion war : Das
Faktum der Kriegsbeschädigung einte die Gruppe weit weniger als das dem Zentral-
verband lieb war. Damals, Anfang 1923, zählte man in Wien noch vier verschiedene
größere Kriegsbeschädigtenorganisationen.116 Zwei Jahre später waren zwei von ihnen
verschwunden.117 Der große Zentralverband und der viel kleinere Reichsbund standen
einander allein
– und unversöhnlich
– gegenüber. Der Reichsbund blieb von nun an des
Zentralverbandes liebster Feind, andere Konkurrenz wuchs ihm nicht mehr zu.118
Von zu heterogenen Interessen geleitet, als dass sie in einem einzigen Verband zu-
sammenfinden hätten können, schlossen sich die Kriegsbeschädigten ab Mitte der
1920er-Jahre entweder dem sozialdemokratischen oder dem christlichsozialen Verein
an und lieferten auf diese Weise in ihren Organisationen ein getreues Abbild der ideo-
logischen Zweiteilung der Republik. Während dem Reichsbund diese Aufteilung der
115 „Die Bedeutung der Organisation für die österreichischen Kriegsopfer“, in : Der Invalide, Nr. 11 v.
30.11.1925, S. 1f, hier S. 2.
116 Das waren der Zentralverband, der christlichsoziale Reichsverband (später : Reichsbund), der Verband
der Schwerinvaliden und Hilflosen Österreichs und die Reichsvereinigung.
117 Der Verband der Schwerinvaliden und die Reichsvereinigung lösten sich Ende 1924 bzw. Mitte 1925
auf ; vgl. Tabelle 1 im Anhang.
118 Es gab nach wie vor einige
– wenngleich unbedeutende
– Fraktionierungen, wie etwa die Bildung einer
kommunistischen Zelle innerhalb des Wiener Landesverbandes und Gründung einer Splitterorgani-
sation durch Franz Klement ; „Die kommunistische Partei wirbt um die Gunst der Kriegsopfer“, in :
Der Invalide, Nr. 3 v. März 1928, S. 6. Klement hatte im November 1918 die allererste – allerdings
nur kurzlebige
– Wiener Kriegsbeschädigtenorganisation geschaffen ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt.
1364, 572/1918, Verein der Kriegsinvaliden v. 5.11.1918. Er war offenbar – wie der Ausdruck „Kle-
mentverein“ nahe legt – schon während des Krieges aktiv gewesen war ; Rupert Kainradl, Wie wir die
Ortsgruppe Wien gründeten. Aus alten Protokollen, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S. 14
und 16, hier S. 16. Nun, im Frühsommer 1927, etablierte Klement eine Reichsvereinigung der abge-
fertigten Kriegsbeschädigten und Kriegerswitwen ; „Warnung“, in : ebd., Nr. 5/6 v. Mai/Juni 1927, S. 6 ;
„Achtung Abgefertigte !“, in : ebd., Nr. 7 v. Juli 1927, S. 5f ; „Dunkle Kräfte am Werk“, in : ebd., Nr. 8 v.
August 1927, S. 3 ; „Der Poldi-Huber-Verband des Herrn Klement“, in : ebd., Nr. 3 v. März 1928, S. 7f.
Auch der Reichsbund distanzierte sich ; „Die ‚Klement-Organisation‘“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr.
10 v. Oktober 1927, S. 8 ; „Achtung, Kriegsopfer !“, in : ebd., Nr. 2 v. Februar 1928, S. 5. Franz Klement
gründete 1932 neuerlich einen Verein ; „Wieder ein Wohltätigkeitsschwindler verhaftet. Der Obmann
des Bundesvereinigung der Kriegsbeschädigten, -Witwen und -Waisen Österreichs“, in : Der Invalide,
Nr. 10 v. Oktober 1932, S. 4. Weiters erwähnenswert sind die Versuche einerseits der Heimwehr, ei-
nen eigenen Kriegsbeschädigtenverein zu gründen, sowie andererseits der Invalidengruppe der Wiener
Sektion der Frontkämpfervereinigung, Mitglieder zu werben ; „Die Heimwehr gründet eine Invaliden-
vereinigung“, in : Der Invalide, Nr. 3 v. März 1931, S.
8 ; „Die ‚Frontkämpfer‘ wollen krebsen gehen“, in :
ebd., Nr. 10 v. 31.10.1926, S. 8. Auch in der Steiermark gab es eine Abspaltung vom Landesverband ;
„Reinliche Scheidung“, in : ebd., Nr. 10 v. Oktober 1928, S. 6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918