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451Entwicklung
nach 1934
Klientel gar nicht so unrecht war, warb der Zentralverband weiter für eine Einheitsorga-
nisation. Die Anfang 1931
– ob ernsthaft oder nicht
– angestrebte Annäherung an den
Reichsbund (der Zentralverband wollte zwecks Durchsetzung bestimmter Forderungen
punktuell gemeinsam vorgehen) blieb jedenfalls Episode.119 Drexel hatte schon zuvor
programmatisch erklärt, dass seiner Meinung nach nur die Existenz von zwei Organi-
sationen Einseitigkeit vermeiden und die notwendige Kontrolle garantieren könne.120
Von einer Zersplitterung, wie sie der Invalide noch Anfang 1923 beklagt hatte, war
nun zwar nichts mehr zu bemerken, die Invalidenbewegung zeigte sich aber – wie das
ganze Land – in zwei Hauptlager zerfallen. Es sollte dem ab März 1933121 autoritär
regierenden Regime unter Engelbert Dollfuß vorbehalten bleiben, die Idee einer über-
parteilichen Einheitsorganisation umzusetzen. Diese stand dann freilich unter ganz
anderen Vorzeichen, als das vom Zentralverband angestrebt worden war.
13.2 Entwicklung nach 1934
13.2.1 1934 : Zerschlagung des Zentralverbandes
Die Kämpfe des Februar 1934122 waren eine Zäsur
– auch in der Geschichte der Orga-
nisierung der österreichischen Kriegsbeschädigten. Die in der Folge des Bürgerkrieges
verfügten Maßnahmen brachten das Ende der meisten Kriegsopferverbände, wobei es
den als sozialdemokratisch eingestuften Zentralverband am härtesten traf. Die Behör-
119 Es ging um die neuerliche Novellierung des IEG ; mit den Forderungen des Zentralverbandes (Erhö-
hung der Renten, Abänderung des Verfahrens und Anpassung des IEG an das deutsche RVG) konnte
sich der Reichsbund tatsächlich identifizieren, doch weder ist in der Folge im Invaliden von einem
akkordierten Vorgehen zu lesen, noch änderte sich der Ton der Zeitung gegenüber dem Reichsbund ;
etwa Maximilian Brandeisz, Offener Brief an den Herrn Abgeordneten Prof. Dr. Karl Drexel, in : ebd.,
Nr. 2 v. Februar 1931, S.
8f ; vgl. auch „Antwort auf den offenen Brief“, in : ebd., Nr. 3 v. März 1931, S.
3.
120 Karl Drexel, Zusammenarbeit, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 11 v. November 1928, S. 1f ; vgl. auch
„Die Generalversammlung des Bundes Wien“, in : ebd., Nr. 4 v. April 1930, S. 2–4.
121 Die Christlichsoziale Partei nutzte Anfang März 1933 eine Geschäftsordnungskrise des Parlaments,
um unter Berufung auf das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz von 1917 einen autoritären
Kurs einzuschlagen. Schrittweise wurden in der Folge demokratische Prinzipien (Pressefreiheit, Wah-
len) außer Kraft gesetzt ; im Mai wurde die Einheitspartei Vaterländische Front gegründet ; der auf
ständischer Grundlage errichtete neue Staat („Ständestaat“) gab sich schließlich im Mai 1934 eine
neue Verfassung.
122 Am 12.2.1934 kam es in mehreren Orten Österreichs zu Zusammenstößen zwischen dem zu diesem
Zeitpunkt bereits illegalen, sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbund und verschiedenen
von der Regierung aufgestellten freiwilligen Wehrverbänden, der Polizei sowie dem Bundesheer. Dieser
„Österreichische Bürgerkrieg“ endete am 15.2.1934 mit über 1.000 Toten, mehreren standrechtlich
verhängten Todesurteilen und dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918