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468 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
sem Belange ein beschleunigtes Tempo“232 gewünscht hätte, im September 1936 erst
bei 44.000.233 Die für Ende des Jahres erhoffte Zahl von 78.500 war auch Mitte 1937
noch nicht erreicht.234 Aus Wien und Niederösterreich, den Ländern mit der ehe-
mals höchsten Organisationsdichte, meldeten sich praktisch keine Kriegsbeschädigten
beim Einheitsverband an.235 Hinzu kam, dass Mitglieder ganzer Landesverbände ihre
Beitragszahlungen einfach einstellten, was die Bundesleitung des Einheitsverbandes –
wohl zu Recht – mit einer „Vertrauenskrise unter den Kriegsopfern“236 begründete.
13.2.2.1 Vertrauenskrise
Diese Vertrauenskrise hatte die Regierung schon 1936 vorausgesehen. Um ihr vor-
zu bauen, hatte der Sozialminister vorgeschlagen, den Kriegsbeschädigten ganz
gezielt einige Erleichterungen zuzugestehen und Rentenkürzungen, die infolge der
14. Novelle237 in Kraft getreten waren, teilweise rückgängig zu machen – „und zwar in
dem Zeitpunkt in dem der neue Verband ins Leben trete bezw. der Regierungskommis-
sär ernannt sei, damit der Erfolg dem Regierungskommissär zugeschrieben würde“.238
Doch die Entrüstung der Kriegsbeschädigten über die massiven Eingriffe in die Selbst-
organisation ließ sich durch solche Angebote sichtlich nicht schmälern. Sie war so
groß, dass es schließlich sogar zu einem historischen Schulterschluss kam : Funktionäre
der alten, ehemals verfeindeten Verbände Reichsbund und Zentralverband stellten im
Mai 1936 in einem gemeinsamen Memorandum an den Sozialminister fest, dass „bei
den Kriegsopfern eine steigende Erregung und Unzufriedenheit immer mehr Platz
greift […], weil leider oft genug die Behandlung eine solche ist, als ob die Kriegsopfer
minderjährig oder entmündigt wären.“239 „Viel Verdrossenheit“240 konstatierte sogar der
Einheitsverband.
232 „Verband für die Stadt Wien“, in : ebd., Nr. 4 v. November 1936, S. 6f, hier S. 7.
233 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1511, 96366/1936.
234 Da betrug die Zahl der Mitglieder angeblich 73.000 ; „Ein Jahr Einheitsverband“, in : Österreichische
Kriegsopferzeitung/Einheitsverband, Nr. 7 v. Juli 1937, S. 1f.
235 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1511, 84736/1936.
236 Ebd., Kt. 1511, 96366/1936.
237 BGBl 1935/449.
238 MRP 1024/18 v. 6.3.1936, in : Protokolle des Ministerrates der Ersten Republik, Abteilung IX, Kabi-
nett Dr. Kurt Schuschnigg, Bd. 4, MRP Nr. 1016 vom 2. Dezember 1935 bis MRP 1024 vom 6. März
1936, bearbeitet von Gertrude Enderle-Burcel/Walter Mentzel, Wien 2000, S. 416–420, hier S. 417.
239 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1511, 57886/1936, Memorandum zur gegenwärtigen Lage der
Kriegsopferorganisationen, v. 22.5.1936, S. 3f.
240 „Ein Jahr Einheitsverband“, in : Österreichische Kriegsopferzeitung/Einheitsverband, Nr. 7 v. Juli 1937,
S. 1f, hier S. 1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918