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nach 1934
Das war etwa in Deutschland anders : Der deutsche Reichsbund – mit seiner sozi-
aldemokratischen Orientierung dem Zentralverband vergleichbar – blieb zwar, auch
nachdem Kriegsbeschädigtenorganisationen anderer politischer Ausrichtung gegrün-
det worden waren,259 die stärkste Vertretung der Kriegsbeschädigten, erreichte dabei
aber dennoch nie eine Position, die mit der faktischen Monopolstellung des öster-
reichischen Zentralverbandes vergleichbar gewesen wäre.260 Die Organisierung der
Kriegsbeschädigten entlang der Parteigrenzen war in ihrer scharfen Ausprägung eine
deutsche Besonderheit. Österreich kannte die ideologische Separation der Kriegsbe-
schädigten ebenfalls, aber in abgeschwächter Form. Das Konzept einer einheitlichen
Vertretung der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen in einer einzigen Orga-
nisation blieb hier aber – auch nach dem Scheitern der Einigungsbemühungen in den
frühen 1920er-Jahren – als Idee stets aufrecht.261
Dass diese Idee in Österreich gerade im autoritären „Ständestaat“ wieder aufge-
griffen wurde, war logischer Ausdruck der herrschenden Ideologie, entbehrte aber
angesichts der Vorgeschichte doch einer gewissen Ironie nicht. Nun wurde staatlich
verordnet, was zuvor eineinhalb Jahrzehnte lang nicht gelungen war. Das Ergebnis
des autoritären Eingriffs, der Einheitsverband der Kriegsopfer Österreichs, hatte freilich
mit der anfänglichen Idee eines Einheitsverbandes, wie sie der in der unmittelbaren
Nachkriegszeit aus einer Bewegung heraus entstandene Zentralverband vertrat, nichts
zu tun. Die neue, oktroyierte Organisation war geradezu eine Falsifikation dieser Idee.
Die bestehende Organisationslandschaft wurde zerschlagen, wobei der Zentralver-
band schon 1934 ausgeschaltet wurde, der Reichsbund erst zwei Jahre später. Dass die
Gleichschaltung etwas schleppend verlief, lag daran, dass die Heimwehr zuerst versucht
hatte, eine unter ihrem Einfluss stehende Kriegsopferorganisation über die existie-
259 Neben dem Reichsbund gab es vier weitere große Vereine : den konservativen Einheitsverband (später :
Reichsverband) der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen Deutschlands, den Bund Deutscher
Kriegsbeschädigter, den kommunistischen Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit
und den christlichsozialen Zentralverband Deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebener ;
James M. Diehl, The Organization of German Veterans 1917–1919, in : Archiv für Sozialgeschichte, 11
(1971), S. 139–184, hier S. 180 ; siehe auch Whalen, Bitter Wounds, S. 126–128.
260 Der Reichsbund vereinigte 1921 46 % aller organisierten Veteranen und Kriegshinterbliebenen auf
sich ; siehe ebd., S. 128.
261 Wie in Österreich 1919/1920 scheiterten auch in Deutschland die etwas später – 1921/1922 – unter-
nommenen Einigungsversuche ; siehe Diehl, Organization, S. 181. Die deutschen Einigungsverhand-
lungen wurden im österreichischen Invaliden durchwegs positiv kommentiert ; siehe Der Invalide, Nr.
10 v. 25.5.1921, S. 2 ; ebd., Nr. 23 v. 10.12.1921, S. 3. Whalen hebt die unüberwindbaren Unterschiede
der Erfahrungen (respektive politischen Deutungen) des Krieges hervor. War für konservative Kreise
das „Fronterlebnis“ die zentrale, einigende Metapher, so konnte der Krieg in der Interpretation der
Sozialdemokratie nur als Beginn des „Pazifismus“ seinen Sinn erhalten ; siehe Whalen, Bitter Wounds,
S. 156.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918