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496 Statistik der Kriegsopfer
stand an Anspruchsberechtigten, der vermutlich zwischen 1922 und 1923 erreicht
war, rund 280.000 betragen haben. Auf den ersten Blick lagen die Statistiker also gar
nicht so schlecht : 4,3 % der österreichischen Bevölkerung galten im Sinne des IEG als
„Kriegsopfer“.39 Doch die Zusammensetzung der Gruppe war in der Realität völlig an-
ders, als dies erwartet worden war, hatte man doch die Gruppe der Kriegsbeschädigten
zahlenmäßig stark unter- und die der Hinterbliebenen stark überschätzt.
Völlig falsch lagen die Prognostiker im Jahr 1919 aber vor allem bei ihrer Ein-
schätzung hinsichtlich der Zahlenentwicklung im Verlauf der Jahre. In diesem Punkt
kamen sie nämlich zum Schluss, dass 15 Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes,
also 1934, die Aufwendungen für alle Renten um rund 57 % geringer sein würden als
im ersten Jahr.40 Auch wenn der direkte Rückschluss vom Budgetaufwand auf die Zahl
der Begünstigten heikel ist, verrät die Schätzung doch etwas über die Erwartung, die
man in Bezug auf die Entwicklung des Systems der Kriegsopferversorgung hatte. Und
gemäß dieser Erwartung wären 1934 mit besagten 57 % deutlich mehr als die Hälfte
der zu Beginn Anspruchsberechtigten weggefallen. Tatsächlich war die Gesamtzahl
der Kriegsopfer zwischen 1922/1923 und 1934 aber nur von 280.000 auf 180.000, also
gerade um ein gutes Drittel, gesunken.
Die oben vermutete hohe Sterblichkeit unter den Kriegsbeschädigten kurz nach
dem Krieg wurde von der Hochrechnung richtig vorhergesehen, das beweist die Pro-
gnose der Entwicklung des Aufwandes für das sogenannte Sterbegeld – eine Leis-
tung des IEG, die dazu dienen sollte, die Kosten für ein Begräbnis eines verstorbenen
Kriegsbeschädigten zu kompensieren.41 Hier gingen die Autoren davon aus, dass dieser
Posten ganz zu Beginn seinen Höchststand erreichen würde, um dann sehr rasch gegen
null zu tendieren.42 Doch bei der Einschätzung der Entwicklung nach den schwierigen
Anfangsjahren verkalkulierten sich die Statistiker gründlich. Die Ursache für diesen
Fehlschluss dürfte darin zu suchen sein, dass man die Zahl jener Kriegsbeschädigten
völlig überschätzt hatte, die im Laufe der Zeit eine Verbesserung ihres Gesundheits-
zustandes erfahren und deshalb aus dem Rentenbezug ausscheiden würden. Dass die
Statistiker davon ausgingen, dass Kriegsbeschädigte gesünder würden, ergibt sich aus
ihrer Einschätzung der Entwicklung der Kosten für medizinische Leistungen. Man
nahm nämlich an, dass dieser Posten bereits nach fünf Jahren auf ein Drittel seiner
39 Natali Stegmann nennt für die Tschechoslowakei den gleichen Prozentsatz ; Natali Stegmann, Deutsche
Kriegsgeschädigte in der Tschechoslowakei 1918–1938, in : Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und
Kultur der böhmischen Länder, 48 (2008) 2, S. 440–463, hier S. 449.
40 Sten. Prot. KN, II. Session, 1919, Beilage Nr. 114, S. 49.
41 Normiert durch StGBl 1919/245, § 27.
42 Sten. Prot. KN, II. Session, 1919, Beilage Nr. 114, S. 50.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918