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503Vereinsmitglieder
soldatischen Zusammenhang wahrgenommen wurden, lag unter anderem an den beson-
deren Gründungszusammenhängen des deutschen Reichsbundes, der erstens schon im
Krieg und zweitens als bewusster Gegenentwurf, aber eben auch in Konkurrenz zu den
Kriegervereinen entstanden war. Die britischen Kriegsbeschädigten vereinigten sich –
nachdem es frühen, radikalen Gruppen nicht gelungen war, eine nationale Kriegsbeschä-
digtenorganisation aufzubauen
– 1921 gemeinsam mit den Veteranen in der gemäßigten,
staatlich geförderten und eher karitativ orientierten British Legion.18 Die französische
Kriegsbeschädigtenbewegung wurde nach dem Krieg überhaupt vollständig in den Ver-
sorgungsapparat integriert und mit quasistaatlichen Funktionen ausgestattet. Zwar gab
es in Frankreich verschiedene Parallelorganisationen,19 doch die besondere gesellschaft-
liche Stellung der französischen Kriegsbeschädigten, die nicht ex negativo über ihre
verminderte Erwerbsfähigkeit, sondern
– anders als in anderen Ländern, wo dies oft nur
rhetorisch geschah – wirklich ausschließlich positiv, nämlich über ihren Dienst an der
Nation, definiert wurden,20 schuf über alle Vereinsgrenzen hinweg eine Einheit unter
den Kriegsbeschädigten, wie sie in Österreich und Deutschland unbekannt war.
Was die tendenziell entpolitisierten Kriegsbeschädigten Großbritanniens und
Frankreichs miteinander verband und zugleich von ihren deutschen und österrei-
chischen Schicksalsgenossen unterschied, war, dass sie einerseits viel weniger Be-
rührungsängste gegenüber den nicht kriegsbeschädigten Veteranen hatten, und sich
andererseits nicht mit den Kriegerwitwen und Kriegswaisen zusammenschlossen. In
den beiden Siegerstaaten war die Verbindung der Kriegsbeschädigten mit der Armee
viel ungebrochener als in Deutschland und Österreich. Hier geschah die Gruppenbil-
dung nicht in Abgrenzung vom Soldatischen, sondern gewissermaßen sogar (wie in
Frankreich21) in dessen Tradition, jedenfalls aber (wie in Großbritannien) in einer von
gegenseitiger Duldung und Achtung geprägten Gemeinsamkeit mit den Veteranen.
schädigten Veteranen im Reichsbund nur 12 % ; James M. Diehl, The Organization of German Veterans
1917–1919, in : Archiv für Sozialgeschichte, 11 (1971), S. 139–184, hier S. 179 und S. 182.
18 Michael Geyer, Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopferversorgung in Frankreich, Deutsch-
land und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg, in : Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für
Historische Sozialwissenschaft, 9 (1983) 2, S. 230–277, hier S. 258–264.
19 Die größte Organisation war die im Februar 1918 gegründete Union Fédérale ; daneben bestanden au-
ßerdem die Union nationale des mutilés et réformés, die Associaton générale des mutilés de la guerre
und die Fédération nationale ; Antoine Prost, In the Wake of War : Les Anciens Combattants and French
Society, 1914–1939, Oxford 1992, S. 31.
20 Geyer, Vorbote, S. 239.
21 Manche der lokalen Kriegsbeschädigtenorganisationen Frankreichs akzeptierten auch „gesunde“ Ve-
teranen als Mitglieder, die meisten Veteranen waren aber in Zweigvereinen der Union nationale des
combattants organisiert ; Prost, In the Wake, S. 33f.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918