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510 Statistik der Kriegsopfervereine
Die Sitze in den verschiedenen Kommissionen waren zwischen den Kriegsbeschä-
digtenverbänden heiß umkämpft, und das hing nicht nur damit zusammen, dass hier
–
wenigstens zu Beginn – tatsächlich die Leitlinien der Kriegsbeschädigtenpolitik fest-
gelegt wurden, sondern auch damit, dass die Mitgliedschaft in einer der Kommissionen
einen sehr unmittelbaren Zugriff auf die knappen Ressourcen bot, die zur Verteilung
gelangten. Vor allem in den Jahren bis etwa 1922 war die direkte Unterstützung der
Kriegsopfer mit Nahrungsmitteln und Kleidung sowie die Ausgabe dieser Güter durch
die Kriegsopfervereine ein nicht zu unterschätzender Aspekt der Kriegsopferfürsorge
und -politik. Anders als bei der Mandatsvergabe naschten bei den Finanz- und Na-
turalzuteilungen auch die vielen kleinen Vereine mit. Ja, immer wieder wurde sogar
gemutmaßt, dass viele Vereine überhaupt nur deshalb gegründet wurden, um an diesen
Ausschüttungen partizipieren zu können. Der im Staatsamt für soziale Verwaltung für
die Kriegsbeschädigtenfürsorge zuständige Sektionschef Friedrich Hock lehnte etwa
im August 1919 die Beteilung eines Vereins mit Gütern ab, nachdem dieser offen ein-
gestanden hatte, dass seine Tätigkeit überhaupt „erst durch die erhoffte Zuweisung von
Waren auf Grund der gegenständlichen Gesuche in Schwung gebracht werden solle.“44
Es war wohl wirklich so, dass – mehr noch als die Mitsprache – die Tatsache, dass
der Staat die Vereine zur Verteilung von Geldern und Waren heranzog, die Macht
dieser Vereine begründete, wobei am attraktivsten jener Verein war, dem es gelang, die
meisten oder besten Waren für seine Klientel zu akquirieren. Gerade die verschiede-
nen Nahrungsmittel- und Bekleidungsaktionen, im Zuge derer zum Beispiel Schuhe,
Anzüge, Erbsen, Bohnen, Selchfleisch, Zucker und ähnliche Artikel zur Verteilung
kamen, machten einen Verband für seine Mitglieder interessant. Diese Waren hatten
nicht nur in materieller, sondern auch in symbolischer Hinsicht eine große Bedeutung.
Sie waren der sichtbare Ausdruck dafür, dass Kriegsbeschädigten geholfen wurde, und
sie zeigten, wer ihnen half. Vereine, die viele Güter zu vergeben hatten, die eine große
Zahl von Kindern in Ferienkolonien – vielleicht sogar im Ausland – unterbringen
und die ihren Mitgliedern eine üppige Weihnachtsbescherung bieten konnten, diese
Vereine waren mächtig.
Doch nicht nur die Vereine profitierten von ihrer starken Involvierung in den Für-
sorgeapparat. Auch die staatliche Verwaltung zog ihren Nutzen daraus. Sie bediente
sich des hohen Organisationsgrades der Vereine, konnte – wie es etwa das Staatsamt
für soziale Fürsorge Anfang 1919 formulierte – „in Anknüpfung an das eigene Orga-
kommissionen. Ohne Mitgliederauszählung erhielt der Reichsbund angeblich ein Achtel der für Wien
und Niederösterreich zur Verfügung stehenden Mandate, das wäre ein Schlüssel von etwa 87 zu 13
gewesen ; „Der Bruch getroffener Vereinbarungen
– ein System ! Auch der Reichsbund will sich von [sic]
schriftlichen Vereinbarungen drücken“, in : ebd., Nr. 6 v. 30.6.1926, S. 4.
44 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1367, 20274/1919, Aktenvermerk v. 7.8.1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918