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Die genauen Größenverhältnisse der Kriegsopfervereine blieben im Ungewissen. Den
Staatsstellen erlaubte das, den Verteilungsschlüssel eigenmächtig festzusetzen und ab-
zuändern – der Zentralverband beklagte stets, dass das unter den bürgerlichen Regie-
rungen zu seinen Ungunsten geschehen würde –, doch auch die Vereine profitierten
von der ungeklärten Situation : Sie konnten dem Vergleich mit der Konkurrenz aus
dem Weg gehen, sich selbst als groß darstellen und die gegnerischen Vereine als bloße
„Winkelorganisationen“52 abtun.
15.2.3 Rückläufige Mitgliederzahlen vor dem Hintergrund der politischen Reaktion.
Die Entwicklung bis 1938
Überblickt man den gesamten Zeitraum von 1918 bis 1938, so gab es durchaus gra-
vierende Veränderungen bei den Mitgliederzahlen. Das kann man zweifellos auch
ohne durchgängige Zahlenreihen erkennen. Besonders interessant erscheint dabei die
Entwicklung der beiden großen „Player“ Zentralverband und Reichsbund. Viele der in
den frühen 1920er-Jahren (vor allem in Wien) entstandenen Vereine waren ja nur
Übergangsphänomene gewesen. Andere hielten aufgrund eines a priori beschränkten
Segments der vertretenen Kriegsopfer bei konstant niedrigen Mitgliederzahlen – der
Reichsbund kriegsbeschädigter Intellektueller beispielsweise bei etwa 5.000 Mitgliedern,
der Verband der Kriegsblinden bei rund 150. Die beiden großen Vereine aber waren die
eigentlichen Gegenspieler.
Da Mitgliederzahlen lediglich punktuell vorliegen, können nur grobe Tendenzen
der Entwicklung dargestellt werden. Der Zentralverband, der die Daten seiner 730
Ortsgruppen addierte, hatte nach eigener Angabe am 1. Jänner 1921 österreichweit
knapp 160.000 Mitglieder, ein Jahr später über 198.000.53 Er musste aber eingestehen,
die rein ziffernmäßigen Angaben der Ortsgruppen selbst nicht überprüfen zu kön-
nen. Dem Sozialministerium, das eigentlich ein namentliches Mitgliederverzeichnis
erwartet hatte, erschien die ganze Liste daher fragwürdig, doch es erhielt keine andere.
Nach diesen Zahlen des Zentralverbandes stellten die Witwen54 übrigens ein Drittel
der Mitglieder.
Vergleicht man die Zahlen mit späteren Daten, so zeigt sich, dass 1921 und 1922
die Jahre der größten Ausdehnung des Vereins gewesen sein dürften. Die Zahl der
52 Sten. Prot. NR 1. GP, III. Session, 179. Sitzung v. 17.2.1927, S.
4564. Karl Drexel wehrte sich gegen Otto
Bauers Behauptung, der Reichsbund sei nicht mehr als eine „Winkelorganisation“. Bauers Zwischenruf,
während Drexel am Wort war, lautete kurz und bündig : „In Wien sicher !“
53 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1395, 5098/1922. Der Zentralverband schrieb die Zahl für Kärnten
vom Vorjahr fort und schätzte jene für das Burgenland. Die Zahl der Ortsgruppen datiert vom 1.1.1922.
54 Inklusive der – allerdings äußerst geringen Zahl – anderer organisierter Hinterbliebenen.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die Wundes des Staates
- Untertitel
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Autoren
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 586
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918