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kritische Lebensskizze. Faßt sein geistiges Wirken
in folgendes Endurtheil zusammen: „Neber-
ficht man sein ganzes literarisches Wirken, so
glaubt man in das Atelier eines großen Bild-
hauers zu blicken, in welchem ein Erdbeben
bas Meiste umgestürzt hat und von den erha-
bensten Götterbilder:: eben nur so viel Gött-
lichkeit und Reiz übrig ließ, um die Vernich-
tung tief betrauern zu lassen. Ist er schuldig,
ist er blos unglücklich? Man mochte ihn für
das erstere halten, wenn man so Herrliches
zerstört weiß, weil er nicht Muth oder Kraft
hatte, die österreichischen Literaturfesseln ab-
zustreifen; man möchte wieder in Mitleid um
ihn vergehen, wenn man ihn trauernd ruhen
sieht auf den Ruinen einer Poesie, der eine
deutsche Unsterblichkeit aufbehalten gewesen
wäre, auf ungebornen Werken, die er, statt
sie zu schassen, in seiner Seele zu Trümmern
zerschlagen mußte."^ -— Schmidt (Julian),
Geschichte der deutschen Literatur im 19. Iahr-
- hundert (Leipzig 1855, Herbig, gr. 8°.) 2. Aufl.
lCharakterisirt die dramatischen Arbeiten G.'s
einzeln und sagt im Allgemeinen über ihn:
„ Im nördlichen Deutschland ist Gr i l lparzer
wenig bekannt; Oesterreich dagegen ist stolz
auf seinen Dichter und hat ein Recht dazu,
denn die Reinheit seiner Formen und das
Methodische in seiner Composition verdient
die vollste Anerkennung.") — Gottschall
<Rudolph), Die deutsche National-Literatur
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
(Breölau 1855, Trewendt u. Gramer, gr. 8°.)
I. Bd. S. 181 — 185. lUeber die „Ahnftau"
sagt Gottschall: „so wenig sich die Grund-»
läge (auf welcher diese Tragödie fußt) für
eine moderne Tragödie eignet, so hat doch die
„Ahnfrau" bedeutende dramatische Vorzüge
in der Composition, die sich durch engen Zu-
sammenhang auszeichnet und in der Ausfüh-
rung, der es weder an psychologisch-inter-
essanten Momenten noch am dichterischen
Schwünge fehlt. Freilich überwiegt nach spa-
nischem Muster die Trochäenlyrik mit ihren
rhetorisch breiten Expositionen und die ganze
Handlung bewegt sich schattenhaft, auf der
schwarzverhangenen Schicksalsbühne." I n der
„Sappho" findet Got t schall „die Diction
muftergiltig, von antiker Klarheit, Lieblichkeit
und Würde, aber auch von berauschender Kraft
des Ausdrucks. Alle Töne in der Scala der
Leidenschaft sind mit gleicher Virtuosität an-
geschlagen. Die Färbung des hellenischen
Himmels ist mit großer Treue gewahrt, ohne
deshalb das Stück dem modernen Bewußtsein
und der germanischen Innigkeit zu entfrem-
den. Die „Medea" steht neben der „Sappho"
wie die weibliche Wildheit neben der Hoheit, die Barbarei neben der Bildung, die Rache
neben der Entsagung, die Leidenschaft, die
zerstörend um sich greift, neben der concen-
trirten Innigkeit, die sich selbst verzehrt. I n
diesen beiden Frauengestalten hat G r i l l -
parzer das gleiche Problem des Herzens in
entgegengesetzter Weise gelöst und dies Pro-
blem selbst dramatisch zu fassen, war sein
Verdienst, da er hierin keinen bedetenden Vor-
gänger hatte.. .. „Hero und Leander" meint
G ottschall, enthält herrliche Emzelnheiten,
plastische Schilderungen und psychologische
Momente von glücklicher Wahrheit, aber die
Einfachheit der Composition ist hier durch zu
wenig Hemmungen und Einschnitte der Hand-
lung gehoben, um aus einem Gemälde mit
einzelnen dramatischen Gruppen eine span-
nende Tragödie zu schassen.... Im „Traum
ein Leben", meint Gott schall, macht die
Fülle der Ereignisse einen schreckhaften Ein-
druck, wie ein ängstlicher Traum, man fühlt
den Alpdruck der Gewissensangst aus dem
Ganzen heraus. Das skizzirte Traumleben
mit seinen gespenstischen Gestalten, dem bun-
ten Knäuel von Begebenheiten, den Verbre-
chen des Ehrgeizes löst sich zuletzt in die ,
harmonische Idylle auf." In den zwei
historischen Tragödien „König Ottokars Glüs
und Ende" und „Ein treuer Diener seines
Herrn" vermißt Gottschall die Größe einer
geschichtlichen Weltanschauung und einer wahr-
haft freien Gesinnung ldie norddeutschen Kri-
tiker scheinen die wahrhaft freie Gesinnung
immer dann zu vermissen, wenn ein Oester-
reicher in seinen Dichtungen sich auch als
Oesterreicher fühlt. Ein eigenthümlicher Maß-
stab für die Freiheit des Denkens). Got i -
sch a l l findet ferner „die Treue, die in „Ot-
tokars Glück und Ende" verherrlicht wird,
in ihrem knechtischen Servilismus keineswegs
herzerhebend und das Aufgeben der Menschen-
würde und der unbedingte Gehorsam gegen
despotische WillMr bilden seiner Ansicht nach
ein wenig geeignetes Piedestal für einen dra-
matischen Helden." Nach dieser Nebersicht der
ArbeitenGrillparzers sindetGottschall
des österreichischen Dichters Begabung durch
eine gewisse Engherzigkeit am bedeutenden
Aufschwünge verhindert, vbschon sein Talent
durch feinen Kunstsinn geregelt, doch auf einem
Niveau mit den größten unserer nachclassischen
Zeit steht.) — Warm und wahr ist die ästhe-
tisch-IritischeLebensstizzeGrillparzersvou
Heinrich Laube. Wir verweisen auf dieselbe
als auf das Beste, was über ihn geschrieben
worden. „Tausende", schreibt Laube, nachdem
er die reizende Lage und Landschaft Wiens
geschildert, „sehen das und erleben auch Ge-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Füger-Gsellhofer, Band 5
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Füger-Gsellhofer
- Band
- 5
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1859
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 426
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon