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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Füger-Gsellhofer, Band 5
Seite - 345 -
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343 kritische Lebensskizze. Faßt sein geistiges Wirken in folgendes Endurtheil zusammen: „Neber- ficht man sein ganzes literarisches Wirken, so glaubt man in das Atelier eines großen Bild- hauers zu blicken, in welchem ein Erdbeben bas Meiste umgestürzt hat und von den erha- bensten Götterbilder:: eben nur so viel Gött- lichkeit und Reiz übrig ließ, um die Vernich- tung tief betrauern zu lassen. Ist er schuldig, ist er blos unglücklich? Man mochte ihn für das erstere halten, wenn man so Herrliches zerstört weiß, weil er nicht Muth oder Kraft hatte, die österreichischen Literaturfesseln ab- zustreifen; man möchte wieder in Mitleid um ihn vergehen, wenn man ihn trauernd ruhen sieht auf den Ruinen einer Poesie, der eine deutsche Unsterblichkeit aufbehalten gewesen wäre, auf ungebornen Werken, die er, statt sie zu schassen, in seiner Seele zu Trümmern zerschlagen mußte."^ -— Schmidt (Julian), Geschichte der deutschen Literatur im 19. Iahr- - hundert (Leipzig 1855, Herbig, gr. 8°.) 2. Aufl. lCharakterisirt die dramatischen Arbeiten G.'s einzeln und sagt im Allgemeinen über ihn: „ Im nördlichen Deutschland ist Gr i l lparzer wenig bekannt; Oesterreich dagegen ist stolz auf seinen Dichter und hat ein Recht dazu, denn die Reinheit seiner Formen und das Methodische in seiner Composition verdient die vollste Anerkennung.") — Gottschall <Rudolph), Die deutsche National-Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Breölau 1855, Trewendt u. Gramer, gr. 8°.) I. Bd. S. 181 — 185. lUeber die „Ahnftau" sagt Gottschall: „so wenig sich die Grund-» läge (auf welcher diese Tragödie fußt) für eine moderne Tragödie eignet, so hat doch die „Ahnfrau" bedeutende dramatische Vorzüge in der Composition, die sich durch engen Zu- sammenhang auszeichnet und in der Ausfüh- rung, der es weder an psychologisch-inter- essanten Momenten noch am dichterischen Schwünge fehlt. Freilich überwiegt nach spa- nischem Muster die Trochäenlyrik mit ihren rhetorisch breiten Expositionen und die ganze Handlung bewegt sich schattenhaft, auf der schwarzverhangenen Schicksalsbühne." I n der „Sappho" findet Got t schall „die Diction muftergiltig, von antiker Klarheit, Lieblichkeit und Würde, aber auch von berauschender Kraft des Ausdrucks. Alle Töne in der Scala der Leidenschaft sind mit gleicher Virtuosität an- geschlagen. Die Färbung des hellenischen Himmels ist mit großer Treue gewahrt, ohne deshalb das Stück dem modernen Bewußtsein und der germanischen Innigkeit zu entfrem- den. Die „Medea" steht neben der „Sappho" wie die weibliche Wildheit neben der Hoheit, die Barbarei neben der Bildung, die Rache neben der Entsagung, die Leidenschaft, die zerstörend um sich greift, neben der concen- trirten Innigkeit, die sich selbst verzehrt. I n diesen beiden Frauengestalten hat G r i l l - parzer das gleiche Problem des Herzens in entgegengesetzter Weise gelöst und dies Pro- blem selbst dramatisch zu fassen, war sein Verdienst, da er hierin keinen bedetenden Vor- gänger hatte.. .. „Hero und Leander" meint G ottschall, enthält herrliche Emzelnheiten, plastische Schilderungen und psychologische Momente von glücklicher Wahrheit, aber die Einfachheit der Composition ist hier durch zu wenig Hemmungen und Einschnitte der Hand- lung gehoben, um aus einem Gemälde mit einzelnen dramatischen Gruppen eine span- nende Tragödie zu schassen.... Im „Traum ein Leben", meint Gott schall, macht die Fülle der Ereignisse einen schreckhaften Ein- druck, wie ein ängstlicher Traum, man fühlt den Alpdruck der Gewissensangst aus dem Ganzen heraus. Das skizzirte Traumleben mit seinen gespenstischen Gestalten, dem bun- ten Knäuel von Begebenheiten, den Verbre- chen des Ehrgeizes löst sich zuletzt in die , harmonische Idylle auf." In den zwei historischen Tragödien „König Ottokars Glüs und Ende" und „Ein treuer Diener seines Herrn" vermißt Gottschall die Größe einer geschichtlichen Weltanschauung und einer wahr- haft freien Gesinnung ldie norddeutschen Kri- tiker scheinen die wahrhaft freie Gesinnung immer dann zu vermissen, wenn ein Oester- reicher in seinen Dichtungen sich auch als Oesterreicher fühlt. Ein eigenthümlicher Maß- stab für die Freiheit des Denkens). Got i - sch a l l findet ferner „die Treue, die in „Ot- tokars Glück und Ende" verherrlicht wird, in ihrem knechtischen Servilismus keineswegs herzerhebend und das Aufgeben der Menschen- würde und der unbedingte Gehorsam gegen despotische WillMr bilden seiner Ansicht nach ein wenig geeignetes Piedestal für einen dra- matischen Helden." Nach dieser Nebersicht der ArbeitenGrillparzers sindetGottschall des österreichischen Dichters Begabung durch eine gewisse Engherzigkeit am bedeutenden Aufschwünge verhindert, vbschon sein Talent durch feinen Kunstsinn geregelt, doch auf einem Niveau mit den größten unserer nachclassischen Zeit steht.) — Warm und wahr ist die ästhe- tisch-IritischeLebensstizzeGrillparzersvou Heinrich Laube. Wir verweisen auf dieselbe als auf das Beste, was über ihn geschrieben worden. „Tausende", schreibt Laube, nachdem er die reizende Lage und Landschaft Wiens geschildert, „sehen das und erleben auch Ge-
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Füger-Gsellhofer, Band 5
Titel
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Untertitel
Füger-Gsellhofer
Band
5
Autor
Constant von Wurzbach
Verlag
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Ort
Wien
Datum
1859
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
13.41 x 21.45 cm
Seiten
426
Schlagwörter
Biographien, Lebensskizzen
Kategorien
Lexika Wurzbach-Lexikon
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