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dankenanfänge nnd gehen unter. Einer von
ihnen trägt den Zulunftsleim unzerstreut nach
Hause, weil er nicht leicht zugänglich, weil er
nicht schwatzhaft ist, weil der dichterische Keim
scine Mustbel bedrängt. Ueber diesen Einen
schalten und schelten denn auch die tausend
Vorübergehenden, daß er so sonderbar, ja
verdrießlich sei, kurz, daß nichts mit ihm an-
zufangen sei. Nein, die Masse weiß nichts
mit ihm anzufangen, aber er selbst wciß an-
zufangen, er wird ein Dichter und sein
Name steigt ans der Masse empor.
Dieser hcißt Franz Gri l lparzer. ...
Italien und Griechenland waren G.'s Geiste
innig vertraut. Man kann diesem formreinli-
chen Zuge, dieser keuschen Liebe classischer
Anschauung durch alle seine W.'rlc folgen.
Sie ist dem Kurzsichtigen klar in „Sappho",
in der „Mcdca", in „Hero und Leander", —
„Des Mecrcö und der Liebe Wellen", — sie
ist aber auch ersichtlich in den Schöpfungen,
welche den Äürgcrsohn einer altgeschichtlichcn
und romantischen deutschen Stadt, welche den
Sohn eines völkerreichen und darum bunten
Staates bezeichnen, den Verfasser Ottokars,
welcher auf dem Marchfelde erlag, den Ver-
fasser des Boucbonus — „TreuerDiener seines
Herrn", — den Verfasser des altdeutfchen
„Weh' dem, der lügt", den Verfasser des
orientalischen „Traum ein Leben". In allen
diesen Stoffen waltet der classische Sinn
sauberer, sorgfältig abgeglätteter Form, der
Sinn für einfach feine Gedanken."... Treffend
und kurz erklärt Laube wie es kam, daß eine
solche poetische Größe, wie Gr i l lparzer ,
so lange in Deutschland unbekannt bleiben
konnte: „daß Ori l lparzcr ein Ocstcrreichcr
ist und seinen Wirkungskreis immer nur in
Oesterreich gesucht, das hat allerdings wesent-
lich beigetragen, ihn unkenntlich zu erhalten
für die Kritik deutscher Literatur. Der Mangel
an Verbindung zwischen OcsterreiHu. Deutsch-
land war groß, die in Deutschland zur Schau
getragene Geringschätzung für österreichische
geistige Größen war nicht minder groß und
der Mangel an nachdrucksvollen Stimmen aus
Oesterreich, welche die Leute jenseits der mäh-
rischen und böhmischen Gränzgebirge hätten
aufklären und überzeugen können, war noch
größer. Sowie in Deutschland die Kritik über-
wucherte, so stockte sie in Oesterreich und die
Prosa, das Ergebniß des lebhaften Geistes-
verkehres, entwickelte sich nicht. Darunter
mußte der Nuhm einer österreichisch-poetischen
Größe bitterlich leiden." . . . Laube schließt
die Lebensstizze mit einer eben auf G r i l l -
parzer ganz anwendbaren, aus der Beob-
achtung einer Naturerscheinung geschöpften Bemerkung. Nachdem Laube die Perlenbil-
dung der Muschel poetisch erklärt, als sam-
melte nämlich die Muschel auf Kosten des
sinnlichen Lebens alle edleren Bestandtheile in
einen Punct, welcher Perle wird, und welcher
den Menschen reizender und werthvoller er-
scheint, als alles übrige Gehäuse und Leben,
schließt er: „Wenigstens hat Gr i l lparZer
wenn durch nichts Anderes, dadurch seinen
Tichterberuf an den Tag gelegt, daß er sein
ganzes Leben hindurch immer seine edelsten
und reinsten Bestandtheile verdichtet und ver-
klärt hat auf seine eigenen Kosten — zur
Freude und zur Erhebung sinniger Menschen.
Er ist eine Perle geworden für sein Vater-
land." — Gervinus (G. G.), Geschichte
der deutschen Dichtung (Leipzig, Engelmann)
4. Aufl. V. Td. S. 535, 624 u. 632. lDas
Urtheil des großen Literatur-Geschichtschreibers
der deutschen Nation über Gr i l lparzer
yieher zu setzen ist unnöthig. Es ist nichtig
von der Parteileidenschaft des Norddeutschen
gegen alles Süddeutsche irregeführt, ja es
erweckt sogar Zweifel, ob Gervinus die
Werke Gr i l lparzers alle gelesen, weil in
diesem Falle selbst die kühle norddeutsche Re-
flexion zu wärmeren Ausdrücken und Ansichten
über den Genius des süddeutschen großen
Dichters gekommen wäre.) — Morgenblatt
(Stuttgart, 4°.) 1819, Nr. 3. Im Aufsatze:
„Unternacht-Gedanken über den magnetischen
Weltkörper im Erdkörper. Nebst neuen magne-
tischen Gesichtern" von Jean Paul kommt
folgende Stelle vor: „Neue gute Tragödien-
steller sz. B. Werner, Gr i l lparzer in
der „Ahnfrau") stellen die von ihnen gebornen
Personen in den letzten Acten häusig auf den
Kopf und nie ohne Erfolg — was körperlich
mit der Faulbrut bei den Bienen geschieht,
wenn diese ihre Vienenmoden in den Zellen
mit den Köpfen unten legen, nur daß sie dann
nicht heraus können — sondern verfaulen —
aber mit noch größerem Erfolge werden Tra-
giker eingreifen, welche den neuen Ultra- oder
Uebertheologen sich anschließend, ihren Kindern
nicht einmal etwas geben, worauf sie zu stcllen
wären." — Wienerbote. Beilage zu Dr. L. A.
Frankls Sonntagsblättern 1848, Nr. 3,
5 . 10: „Grillparzers männliche und weibliche
Charaktere." — Oeftr. Blätter für Literatur
und Kunst. 1856, Nr. 5 u. f.: „Grillparzers
Dramen. Eine kritische Studie."—Auch müssen
wir hier des Urtheils von Borne über Gr i l l -
parzer gedenken, welches derselbe in seinen
dramaturgischen Blättern ausspricht.
d) Zur Kritik und Geschichte seiner ein-
zelnen Dramen. 4. „Nie Phnfrau." Zum
ersten Mal aufgeführt am 31. Jänner 1817
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Füger-Gsellhofer, Band 5
- Titel
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Untertitel
- Füger-Gsellhofer
- Band
- 5
- Autor
- Constant von Wurzbach
- Verlag
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Ort
- Wien
- Datum
- 1859
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.41 x 21.45 cm
- Seiten
- 426
- Schlagwörter
- Biographien, Lebensskizzen
- Kategorien
- Lexika Wurzbach-Lexikon